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Ernst Gennat war der erfolgreichste deutsche Kriminalist der Weimarer Zeit. Ob Sprengstoffanschläge auf Eisenbahnen oder grausame Morde aus Not oder Habgier: Der Berliner Kriminalkommissar löste in Berlin und anderswo Fälle, an denen sich andere die Zähne ausbissen. Dabei revolutionierte er kriminalistische Methoden und Techniken, die bis heute genutzt werden! Gennat-Spezialistin Regina Stürickow schreibt in „Kommissar Gennat ermittelt“ Biografie und Zeitgeschichte zugleich. Über 100 Abbildungen, darunter viele bislang unveröffentlichte Bilder aus alten Polizeiakten, gewähren einen einzigartigen Blick in die Zeit zwischen 1900 und den Dreißigerjahren.
Es folgt eine Leseprobe aus dem Kapitel “Kommissar Gennat im Kaiserreich”.

 

Im Vollrausch
Mitte August des Jahres 1918 machen drei schwere Kapitalverbrechen in Berlin Schlagzeilen, deren Opfer alle Inhaber von Lokalen sind. In der Karlstraße (heute Reinhardtstraße) in Mitte fällt ein Schankwirt einem Raubmord zum Opfer, ebenso eine Wirtin in der Linienstraße 63. Wenige Tage später kommt es ein paar Häuser weiter wieder zu einem brutalen Raubüberfall in einer Gastwirtschaft:
Die 35-jährige Elsbeth Sonnenberg ist eine jener Soldatenfrauen, die der Erste Weltkrieg in eine aussichtslose Lage brachte. Nach dem Tod ihres Mannes, der im Heimaturlaub an einer Kriegsverletzung verstarb, muss sie schnell handeln. Die „Deutsche Kneipe“, in der ihr Mann Wirt war, ist ihre Existenzgrundlage. Sie kennt sich aus mit der Gastwirtschaft. Immerhin hat sie einige Jahre an der Seite ihres Mannes hinter der Theke gestanden. Kurz entschlossen stellt sie die 25-jährige Käthe „Käthchen“ Stein als Wirtschafterin ein und führt die Kneipe weiter.
Dass das Lokal täglich schlechter läuft, liegt nicht an ihr. Die Versorgungslage ist miserabel, die Männer sind im Felde und die Frauen haben in aller Regel besseres zu tun, als abends in eine Kneipe zu gehen. Am 18. August 1918 regnet es seit dem frühen Morgen in Strömen und es scheint, als wolle es gar nicht mehr aufhören. Ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Türe jagt. Überrascht schauen die Wirtin und ihre Wirtschafterin auf, als sich gegen halb sieben doch noch ein Gast in die Wirtschaft verirrt. Doch Elsbeth murmelt nur ein missgelauntes: „’N Abend.“ Der Gast ist, welch eine Enttäuschung, nur ein völlig durchnässter „Feldgrauer“, ein Gefreiter des 24. Infanterieregiments, wie sie sofort erkennt. Soldaten machen keine große Zeche, sie halten sich eher drei Stunden an einem Bier fest! Erst auf den zweiten Blick erkennt sie in dem Uniformierten den Schlachtergesellen Paul Schoof, einen alten Freund ihres Mannes, mit dem sie lange vor dem Krieg so manche Nacht durchgemacht haben. Nun begrüßt sie ihn herzlich und lädt ihn ein, für diesen Abend ihr Gast zu sein. Sie öffnet eine Flasche Wein, und unter dem Motto „Weeßte noch …“ setzten sie sich an den Stammtisch im Hinterzimmer und frischen Erinnerungen auf. Käthchen sitzt neben ihrer Chefin und lauscht staunend den Erzählungen. Es wird viel gelacht und noch mehr getrunken. Kommissar Ernst Gennat wird später in seinen Bericht schreiben: im Hinterzimmer habe sich „eine Orgie tollster Art abgespielt“. Nach Gennats Recherchen haben die drei zwei Flaschen Wein, zwei Flaschen Sekt und pro Person acht bis zehn Cognacs getrunken! In dieser launigen Stimmung schlägt Elsbeth ihrem Gast vor, noch ins Kino zu gehen. Paul ist einverstanden und Käthchen verspricht, im Lokal die Stellung zu halten. Vielleicht kommen ja doch noch Gäste. Die Wirtin nimmt das gesamte Geld aus der Kasse hinter dem Schanktisch und verstaut es in einer gesonderten Geldbörse in ihrer Handtasche. Dann verlassen die beiden gut gelaunt und reichlich beschwipst das Lokal. Einen Augenblick später kommt Elsbeth aber noch einmal zurück, sie hat ihren Mantel vergessen.
Käthchen hofft indes vergeblich auf Gäste. Auch als der Regen endlich nachlässt, kommt niemand. Gerade blättert sie alte Zeitungen durch, als jemand die Tür aufstößt. Käthchen sieht auf und starrt entsetzt auf die hereinwankende Gestalt. Es ist Elsbeth, das Gesicht blutüberströmt. Noch bevor sie etwas sagen kann, bricht sie zusammen. Käthchen rennt aus dem Lokal, alarmiert die Polizei und holt einen Arzt. Die schwer verletzte Wirtin wird ins Krankenhaus am Friedrichshain gebracht, wo man ihre Überlebenschancen als gering einschätzt.
Wenig später erscheint der Chef der Kriminalpolizei, Oberregierungsrat Hans Hoppe, begleitet von Kommissar Ernst Gennat in der Linienstraße. Was ist geschehen? Ist Elsbeth Sonnenberg auf dem Rückweg vom Kino überfallen worden?
„Sie sagen, Frau Sonnenberg sei mit einem Bekannten ins Kino gegangen. Kennen Sie seinen Namen?“, fragt Gennat Käthchen.
„Na det war der Paule, n’ alter Freund von ihrem Seligen.“
„Nachname?“
„Weeß ick doch nich!“
„Können Sie ihn beschreiben?“ Käthchen zuckt mit den Schultern. Sie habe ein schlechtes Personengedächtnis und wisse nur, dass es sich um einen Feldgrauen gehandelt habe. Über seinen Rang oder sein Regiment könne sie auch nichts sagen. „Von sowat hab ick keene Ahnung.“
„Wissen Sie wenigstens, wo Frau Sonnenberg wohnt?“
Käthchen zeigt nach oben. Und in einem Ton, als gebe es keine dümmere Frage: „Na, hier natürlich. Gleich über’m Lokal.“
Hoppe und Gennat begeben sich sogleich in die erste Etage. Sie stutzen, denn die Wohnungstür steht einen Spalt offen. Vorsichtig treten die Beamten in die Wohnung, die aus nur einem Zimmer besteht. Darin deutet alles auf einen Einbruch hin. Die Schublade des Vertikos links neben der Tür ist herausgezogen und durchwühlt. Der Inhalt, darunter auch eine leere Geldbörse, ist auf dem Boden verteilt. Auf dem Tisch vor dem Fenster stehen zwei Gläser, drei leere Weinflaschen, eine vierte ist angebrochen. Die dunklen Flecken auf den Dielen vor dem Tisch sind offensichtlich Blutspuren. Ist Elsbeth Sonnenberg in ihrer Wohnung niedergeschlagen worden und nicht, wie zunächst vermutet, auf dem Heimweg vom Kino?
„Nee, die waren bestimmt nich’ mehr im Kintopp“, meint Gennat und weist auf die Weinflaschen. „Die haben hier oben weiterjesoffen. Mein lieber Scholli, müssen die knülle jewesen sein!“
Wie durch ein Wunder erwacht Elsbeth Sonnenberg nach einigen Tagen aus dem Koma und kann am 27. August vernommen werden. Sie ist sogar in der Lage, den Verlauf des Abends zu schildern. Gennat hat ganz richtig vermutet: Sie ist mit ihrem Bekannten, einem gewissen Paul Schoof, nicht im Kino gewesen. Als Käthchen kurz in der Küche war, hat sie Schoof vorgeschlagen, den Rest des Abends doch lieber in ihrer Wohnung zu verbringen. Käthchen gegenüber war ihr das jedoch peinlich, und so schützte sie den Kinobesuch vor. Dann habe sie das Geld aus dem Tresen an sich genommen.
„Hat Fräulein Stein sich nicht gewundert, dass Sie das Geld schon mitnehmen, obwohl sie noch ins Kino wollten?“, will Gennat wissen.
„Nee, die is so doof, die merkt nischt“, behauptet Elsbeth Sonnenberg.
„Haben Sie Ihren Mantel geholt, weil Sie fürchteten, Fräulein Stein könnte doch Verdacht schöpfen?“
„Das mit dem Mantel war nur ein Vorwand. Ich habe, ohne dass Käthchen es gemerkt hat, noch vier Flaschen Wein mitgenommen. Dann bin ich mit Paul nach oben in die Wohnung und habe das Portemonnaie mit dem Geld gleich in die Schublade des Vertikos gelegt. Wir haben uns an den Tisch gesetzt, Wein getrunken und geplaudert. Dann ist Paul aus heiterem Himmel über mich hergefallen und hat mit dem Bajonett auf mich eingeschlagen. An mehr kann ich mich nicht erinnern.“
„Wieviel Geld war in der Geldbörse?“
„5000 Mark.“ Gennat stutzt. „Das ist eine Menge Geld. Sagten Sie nicht, das Lokal läuft schlecht?“
„Ich war längere Zeit nicht mehr auf der Bank. Ich traue den Banken nicht, wissen Sie.“
Gennat brummt etwas Unverständliches. Zufrieden ist er mit der Erklärung nicht.
Von den Militärbehörden erfährt die Polizei, dass der 27-jährige Paul Schoof für 14 Tage von seinem Regiment beurlaubt worden ist und sich vermutlich im Haus seiner Eltern in Oranienburg aufhält. Umgehend fährt Gennat nach Oranienburg. Dort trifft er den gesuchten Schoof tatsächlich bei seinen Eltern an. Ohne Umschweife legt Schoof ein Geständnis ab und lässt sich widerstandslos festnehmen. Er gibt aber vor, im Vollrausch gehandelt zu haben und sich – wenn überhaupt – nur noch dunkel zu erinnern. Schoofs Beteuerung, dass er Elsbeth Sonnenberg nur betäuben, nicht aber habe töten wollen, kauft Gennat ihm nicht ab. Immerhin hat sie ihn gut gekannt und hätte ihn identifizieren können, wie es letztlich ja auch geschehen ist. Zwar hat ihn auch die Wirtschafterin gesehen, doch die ist davon ausgegangen, dass beide zwar zusammen ins Kino gegangen sind, Elsbeth aber allein zurückgekommen ist. Also hätte der Täter durchaus ein Fremder sein können, ein Einbrecher, der von Elsbeth Sonnenberg überrascht worden ist.
Mit Schoofs Geständnis ist der Fall noch längst nicht abgeschlossen. Jetzt gilt es herauszufinden, ob Schoof schon mit Mord- oder Raubabsichten in das Lokal gekommen ist. Seine Aussage lässt darüber keinerlei Schlüsse zu. Er beruft sich hartnäckig auf seinen Vollrausch. Zudem muss noch ermittelt werden, wo das gestohlene Geld geblieben ist, denn von den 5000 Mark hatte er bei seiner Festnahme nur noch 1300 Mark bei sich. Schoof gibt zwar zu, das Geld geraubt zu haben, behauptet aber, in der Geldbörse seien nur 1500 Mark gewesen. Er erinnere sich an nichts, sagt er. Er wisse nur noch, dass er völlig betrunken aus dem Haus gewankt sei und auf irgendeinem freien Platz in der Nähe für den Rest der Nacht geschlafen habe. Wo, könne er freilich nicht sagen, und wo sein Bajonett geblieben sei, wisse er auch nicht. Beim Erwachen habe er sich kaum noch an den Abend erinnert. Er sei ziellos umhergelaufen, habe dann sein Gepäck vom Schlesischen Bahnhof geholt und sei am Nachmittag zu seinen Eltern gefahren.
Sowohl Ernst Gennat als auch Hans Hoppe hegen Zweifel an Schoofs Aussage. Die Erinnerungslücken nehmen sie ihm nicht ab. Zudem halten sie es für unwahrscheinlich, dass Schoof die Nacht im Freien verbracht hat. Es war empfindlich kalt, und eine Übernachtung im Freien wäre nicht ohne Folgen geblieben.
Die Ermittlungen gehen weiter – mit Erfolg. Gennat findet heraus, wo Schoof in jener Nacht noch gewesen ist: Unmittelbar nach der Tat hat er eine Bekannte in der Elbinger Straße aufgesucht, eine gewisse Frau Bohlen, die zufällig auch eine flüchtige Bekannte der Überfallenen ist. Frau Bohlen bestreitet zwar zunächst, dass Schoof in der Nacht bei ihr gewesen ist, sagt dann aber doch aus: Mitten in der Nacht habe Schoof bei ihr geklingelt. Sie sei im ersten Augenblick erschrocken gewesen, weil er stark mit Blut verschmiert war. Er erklärte ihr daraufhin, er komme direkt aus dem Felde und habe keine Gelegenheit mehr gehabt, sich zu säubern. Sie sei mit dieser Erklärung zufrieden gewesen und habe ihm erlaubt, sich bei ihr zu waschen.
„Sie haben Schoof in Ihrer Wohnung übernachten lassen?“, Gennat kann es kaum glauben.
Sie zuckt mit den Schultern.
„Er konnte ja schließlich nicht ohne Hose auf die Straße.“ Gennat sieht die Bohlen fragend an. „Seine Hose war doch auch voller Blut“, erklärt sie.
„Die haben Sie ihm gewaschen?“
„Nee, nicht ganz. Nur die Blutflecken hab ich rausgewaschen.“
„Hatte er sein Bajonett bei sich?“
„Nee. Bestimmt nicht.“
„Wie lange ist er geblieben?“
„Gegen acht Uhr am nächsten Morgen ist er wieder weg. Für die Übernachtung und meine Mühe hat er mir großzügigerweise 200 Mark in die Hand gedrückt.“
Aber was ist mit dem restlichen Geld passiert? Wenn die Angaben der Elsbeth Sonnenberg stimmen, fehlen 3500 Mark. Schoof könnte das Geld bei Frau Bohlen versteckt haben. – Eine Haussuchung bleibt jedoch ergebnislos. Hat Elsbeth Sonnenberg über die Höhe des gestohlenen Betrags falsche Angaben gemacht? Weder die eine noch die andere These lässt sich beweisen.
Die Tatwaffe, das angeblich verloren gegangene Bajonett, wird nie gefunden. Paul Schoof wird den Militärbehörden zur Aburteilung übergeben. Das Urteil geht aus den Polizeiakten nicht hervor.

 

Hier endet unsere Leseprobe. Viele weitere Informationen, Bilder und Anekdoten rund um das Leben des „Buddha“  finden Sie in Regina Stürickows Buch „Kommissar Gennat ermittelt. Die Erfindung der Mordinspektion“, Elsengold Verlag.

 

Die Autorin Dr. Regina Stürickow ist die führende Historikerin des Berliner Verbrechens. Sie hat zahlreiche Bücher zur Kriminalgeschichte Berlins und zu anderen historischen Themen veröffentlicht. Ebenfalls im Elsengold Verlag erschienen sind die Bücher  „Verbrechen in Berlin. 32 historische Kriminalfälle 1890-1960“ und „Skandale in Berlin. 16 unglaubliche Geschichten 1890 bis bis 1980“.

Klicken Sie HIER, und sie gelangen zu einem wunderbaren Filmbeitrag der rbb Mediathek zu “Kommissar Gennat ermittelt”.

Regina Stürickow
Kommissar Gennat
Die Erfindung der Mordinspektion
208 Seiten, 17 x 24 cm, rund 100 Abbildungen
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-944594-56-9
€ 24,95