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Am 16. Dezember 1914 beschossen deutsche Schlachtkreuzer die nordenglischen Küstenstädte Scarborough, Whitby und Hartlepool, wobei 157 Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren.
Zwei Marinehistoriker aus den 1914 noch verfeindeten Ländern machen sich in „Scarborough Bombardment“ nach über 100 Jahren gemeinsam daran, die schrecklichen Geschehnisse objektiv zu beleuchten und in den historischen Kontext zu stellen. Auf der Basis von Archivquellen bieten sie einen verständlich aufgearbeiteten Blick auf die dramatischen Ereignisse. Dabei zeigen sie, wie leicht Zivilisten Opfer der modernen Kriegsführung werden können. Die Autoren ermöglichen mit einem klaren Blick auf die Vergangenheit das Erinnern und setzen ein Mahnmal für die Zukunft.

 

Wir präsentieren Ihnen einen Auszug aus dem Buch, der sich noch nicht mit dem verhängnisvollen Bombardement beschäftigt, sondern etwas früher ansetzt: mit dem Aufbau der Deutschen Schlachtflotte, umgesetzt von Alfred von Tirpitz (1849-1930).

DER AUFBAU DER DEUTSCHEN SCHLACHTFLOTTE

Alfred von Tirpitz
Alfred Tirpitz wurde am 19. März 1849 in Küstrin geboren und trat 1869 in die Preußische Marine ein. In seinen jungen Jahren war er ein Bewunderer der Royal Navy, ebenso sprach er ausgezeichnet Englisch. Von 1877 bis 1889 war Tirpitz maßgeblich am Aufbau der Torpedowaffe beteiligt. Von 1891 bis 1895 war er in Stabsverwendungen tätig und erarbeitete in dieser Zeit die Grundlagen für den taktischen Einsatz der Flotte. 1895 wurde er zum Konteradmiral befördert. Von 1896 bis 1897 befehligte er das ostasiatische Kreuzergeschwader, wurde jedoch vorzeitig zurückgerufen, um den Posten des Staatsekretärs im Reichsmarineamt zu übernehmen. Mit tatkräftiger Unterstützung durch Kaiser Wilhelm II. nahm Tirpitz die Aufrüstung der Marine zielstrebig in Angriff. 1898 passierte das 1. Flottengesetz den Reichstag, gefolgt 1900 vom 2. Flottengesetz. Gleichsam als Belohnung wurde er von Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Im Juni 1903 erfolgt seine Beförderung zum Admiral, 1911 seine Ernennung zum Großadmiral.
Doch das ehrgeizige Flottenbauprogramm führte in ein verhängnisvolles Wettrüsten mit Großbritannien. Als sich seine „Risikotheorie“ zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Fehlschlag erwies, verlor von Tirpitz zunehmend seinen früheren Einfluss. Nachdem sich gezeigt hatte, dass der Einsatz der Schlachtschiffe nicht kriegsentscheidend sein würde, wurde er zu einem Verfechter des uneingeschränkten U-Bootkriegs. Die Meinungsverschiedenheiten mit Kaiser Wilhelm II. über den Einsatz der Flotte ließen Tirpitz schließlich resignieren. Verbittert trat er am 12. März 1916 von all seinen Ämtern zurück. 1917 wurde Tirpitz Vorsitzender der von ihm mitbegründeten, extrem nationalistischen Vaterlandspartei. Auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs blieb Tirpitz politisch aktiv, konnte aber seinen alten Einfluss nicht wieder erlangen. Er starb am 6. März 1930 in Ebenhausen bei München.

DIE POLITISCHEN FOLGEN DES DEUTSCHEN FLOTTENBAUS

„Wie sollen wir uns da die Hand geben?“ Zeitgenössische Karikatur zum deutschbritischen Flottenwettrüsten aus dem „Simplicissimus“. © Archiv Deutscher Marinebund / Scarborough Museums Trust

„Wie sollen wir uns da die Hand geben?“ Zeitgenössische Karikatur zum deutschbritischen Flottenwettrüsten aus dem „Simplicissimus“. © Archiv Deutscher Marinebund / Scarborough Museums Trust

Die sich beschleunigende deutsche Marinerüstung bereitete der britischen Admiralität zunehmend Sorgen. Daher begann nun auch Großbritannien, seine Flotte zu verstärken, was zu einem maritimen Wettrüsten mit dem Deutschen Reich führte. Sowohl in Deutschland, als auch in Großbritannien wurde dieser Rüstungswettlauf von nationalistischen Pressekampagnen begleitet. Den Anhängern Tirpitz erschien die britische Marinerüstung gleichsam als Beweis für die Notwendigkeit des Flottenbaus. So erschuf sich die deutsche Flotte ihren Gegner gewissermaßen selbst. Allerdings war die von Tirpitz massiv voran getriebene maritime Aufrüstung in Deutschland nicht unumstritten. Selbst innerhalb der Marine gab es Kritik am Schlachtflottenbau.
Das deutsch-britische Flottenwettrüsten hatte für das Deutsche Reich schwerwiegende außenpolitische Folgen. 1904 schlossen England und Frankreich die Entente cordiale. Obgleich sich dieses herzliche Einverständnis zunächst nur auf die Beilegung der kolonialen Dispute der beiden Mächte bezog und zumindest anfänglich nicht direkt gegen das Deutsche Reich gerichtet war, wurde das Mächtegleichgewicht in Europa dadurch entscheidend verschoben. Die deutsche Staatsführung musste feststellen, dass sich die politische Lage in Europa nicht zuletzt als Folge der massiven Flottenrüstung deutlich zu ihren Ungunsten verändert hatte.
1907 schlossen Großbritannien, Frankreich und Russland die sogenannte Tripelentente, was in Deutschland als Einkreisung durch feindliche Mächte empfunden wurde. Das Deutsche Reich geriet in der Folgezeit immer mehr in die außenpolitische Isolation, wozu auch das undiplomatische Verhalten Kaiser Wilhelms II. sowie die ungeschickte deutsche Außenpolitik unter Reichskanzler Bernhard von Bülow beitrugen.

DIE VERSCHÄRFUNG DES MARITIMEN WETTRÜSTENS

1905 trat das maritime Wettrüsten in eine neue Phase ein, als in Großbritannien das Linienschiff DREADNOUGHT vom Stapel lief, das stärker und schneller als alle seine Vorgänger war. Mit einer Hauptbewaffnung von zehn 30,5cm-Geschützen in fünf Doppeltürmen war es der Prototyp des modernen Schlachtschiffes, weshalb fortan die Schiffe dieses Typs auch als „Dreadnoughts“ bezeichnet wurden. Die zu diesem Zeitpunkt modernsten deutschen Linienschiffe verfügten dagegen nur über eine schwere Artillerie von vier 28cm-Kanonen. Zeitgleich entwickelten die Briten den Schlachtkreuzer, einen Schiffstyp, der ebenso stark bewaffnet, aber leichter gepanzert und daher schneller war als die neuen Schlachtschiffe. Durch die neuen Großkampfschiffe wurden die älteren Linienschiffe, Panzerkreuzer und Großen Kreuzer mit einem Schlag militärisch entwertet. Mit der Ergänzung des 2. Flottengesetzes durch die Flottennovelle von 1906 begann auch das Deutsche Reich mit dem Bau von modernen Schlachtschiffen und Schlachtkreuzern, die jedoch von der Kaiserlichen Marine weiterhin offiziell als Linienschiff bzw. Großer Kreuzer bezeichnet wurden. Durch die Flottennovellen von 1908 und 1912 wurde die geplante Stärke der Kaiserlichen Marine noch einmal erhöht.
Dadurch wurde der deutsch-britische Rüstungswettlauf weiter angeheizt. Zusammen mit der gleichzeitigen Aufrüstung des Heeres führte der Flottenbau zu einer rasanten Verschuldung des Reiches. Doch trotz aller Anstrengungen war der Vorsprung der Briten im Schlachtschiffbau von den Deutschen nicht mehr aufzuholen. Sowohl von britischer als auch von deutscher Seite gab es wiederholt Versuche, das Wettrüsten zu beenden und zu einer Vereinbarung über eine Begrenzung der Flotte zu kommen. Alle Verhandlungen blieben jedoch erfolglos. Im Jahre 1912 scheiterte ein letzter Verständigungsversuch des britischen Kriegsministers Richard B. Haldane an der Weigerung Kaiser Wilhelms II., über „seine Flotte“ zu verhandeln.

Hier endet unsere Leseprobe.

Dr. Jann M. Witt ist der Historiker des Deutschen Marinebunds in Laboe. Regelmäßig unterrichtet er am Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrum der Marineschule Mürwik, der Offizierschule der Deutschen Marine. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu maritimen Themen.
Robin McDermott ist Gründungskurator eines militärhistorischen Museums in York, Großbritannien.

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Jann M. Witt / Robin McDermott
Scarborough Bombardment.
Der Angriff der deutschen Hochseeflotte auf Scarborough,
Whitby und Hartlepool am
16. Dezember 1914

184 Seiten, 16,5 x 24 cm
120 Abbildungen
978-3-944594-50-7
€ 19,95