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In „Das Berliner Schloss. Geschichte und Archäologie“ erzählen Michael Malliaris und Matthias Wemhoff anhand von über 40 einzigartigen Fundstücken vom mittelalterlichen Berlin, vom ersten kurfürstlichen Schloss bis hin zur Residenz deutscher Kaiser, von der Sprengung im Jahr 1950, dem Palast der Republik bis hin zum Humboldt Forum in Gestalt des wilhelminischen Prachtbaus. Schnell wird klar: Dort, wo heute das Humboldt Forum steht, pulsiert seit 850 Jahren Berliner Leben!

Es folgt eine Leseprobe aus dem Kapitel „Kirchliche Würde und weltliche Pracht: Domstift und Renaissanceschloss. 1536 bis 1608“.

 

Das kurfürstliche Schloss: der Stechbahnflügel

Für die Gestaltung seines Schlosses scheute Joachim II. keine Kosten. Er entschied sich für einen Neubau bzw. eine weitgehende Erneuerung des Spreeflügels und des rechtwinklig dazu angelegten Stechbahnflügels. Ab dem Jahr 1538 begannen die Arbeiten am Stechbahnflügel. Der hochmoderne Renaissancebau erhob sich nur wenige Meter von den alten Klosterbauten entfernt. Der Architekt Konrad Krebs hatte bereits im Auftrag d es sächsischen Kurfürsten den für Cölln vorbildhaften Elbflügel des Residenzschlosses in Torgau errichtet. Die Arbeiten vor Ort in Cölln leitete dessen Schüler Caspar Theiß, der für Joachim II. auch das Jagdschloss Grunewald entworfen hat. Ein Chronist berichtet, dass Joachim II. seine Cöllner Neubauten „a primis fundamentis“ errichtet habe, also „von den Grundsteinen (des alten Schlosses) ausgehend“. Im Stechbahnflügel fanden sich somit vermutlich Fundamente seines mutmaßlichen Vorgängers.

Der zeitgenössische Kupferstich von Uffenbach um 1592 zeigt den Stechbahnflügel des Berliner Renaissanceschlosses und ein Ringrennen auf dem Stechplatz anlässlich der Taufe des Markgrafen Johann Sigismund von Brandenburg. Links geht der hölzerne Verbindungsgang zum Glockenturm ab. © akg-images

Der zeitgenössische Kupferstich von Uffenbach um 1592 zeigt den Stechbahnflügel des Berliner Renaissanceschlosses und ein Ringrennen auf dem Stechplatz anlässlich der Taufe des Markgrafen Johann Sigismund von Brandenburg. Links geht der hölzerne Verbindungsgang zum Glockenturm ab. © akg-images

Etliche Stiche und Zeichnungen geben uns einen verlässlichen Eindruck vom Äußeren des Stechbahnflügels, der auch als das „zweite Haus“ (nach dem Spreeflügel) bezeichnet wurde. Die äußere Fassade wies zur Stadt Cölln. Der ca. 70 Meter lange Bau, der mit seinen drei Geschossen höher als das spätere Schloss um das Jahr 1700 gewesen war, besaß eine glatte Front mit gleichmäßig verteilten Fenstern. Sein steiles Satteldach wurde von kleinen und großen Quergiebeln oder Zwerchhäusern gegliedert. Wahrscheinlich im zweiten Geschoss befand sich ein Saal für festliche Anlässe ohne Innenstützen, der sogenannte Lange Saal. In den Geschossen darüber lagen Wohnräume und Appartements. Mittig vor der Stechbahnfront erhob sich ein feingliedriger offener Erker mit zwei Geschossen. An den Gebäudeecken sprangen oberhalb des Erdgeschosses zierliche geschlossene Runderker vor. Die Sockelzone erhielt aufgrund ihres Anstrichs den Anschein soliden Quadermauerwerks, die oberen Geschosse zierte eine reiche ornamentale und figurale Bemalung.
Die Fassade der Hofseite besaß mittig ebenfalls einen erdgeschosshohen Vorbau bzw. Altan, dieser war jedoch rechteckig und massiv. Wahrscheinlich führte von beiden Seiten jeweils eine offene Treppe an der Hauswand entlang auf das Podest, von dem aus ein Tor in das Innere des Flügels führte. Auf dem Vorbau stand ein großer „Wendelstein“ nach Torgauer Vorbild: eine prunkvolle offene Wendeltreppe, die bis zum Dach hinaufragte. Davon ging über dem zweiten Geschoss in Richtung Spree ein offener Gang ab.
Joachim II. ließ durch einen auf steinerne Podeste gestellten Hochgang, den sogenannten Hultzern Gang, eine exklusive Verbindung zwischen dem Langen Saal seiner Residenz und der kurfürstlichen Empore in der Kirche herstellen. Der Gang führte vom südöstlichen Runderker der Stechbahnfront in den Glockenturm, durch diesen hindurch und hinüber zum Ostflügel des Domstifts. Von dort aus war es zur Fürstenempore nicht mehr weit. Nicht allzu hoch waren die ästhetische Qualität und Haltbarkeit des mit Holzplanken verkleideten Gangs, den Besucher des Schlosses unterqueren mussten. Er verkörpert standesgemäße Bequemlichkeit und Sinn für das Praktische ohne bauliche Raffinesse. Der Hochgang wurde jedenfalls fleißig vom Hof genutzt, um den täglichen Kirchenbesuch noch vor der Morgensuppe um sieben oder acht Uhr zu beschleunigen.

Der Spreeflügel

Im zweiten Bauabschnitt folgte der Neubau des Spreeflügels ab 1540. Dass seine alte Substanz zumindest teilweise erhalten blieb, lässt sich am Chor der Erasmuskapelle im vorspringenden „Kapellenturm“ sowie wohl auch am Grünen Hut an der Spreeseite festmachen. Die Geschosshöhen des Spreeflügels wurden dem Stechbahnflügel angeglichen. Das Dachgeschoss wies analog zum Stechbahnflügel Zwerchhäuser auf. Die Spreefront bot wegen des vorspringenden Kapellenturms und des tieferen Gebäudeabschnitts hinter dem Kapellenhof, wo vielleicht auch schon der Wohnturm Friedrichs II. gelegen hatte, ein wenig einheitliches und wehrhaftes Bild.
Die Innenhoffassade des Spreeflügels wurde durch zwei achteckige, nebeneinander aufragende Türme aufgelöst. Der dünnere, bis zum Dach hochgezogene südöstliche Turm barg eine Wendeltreppe. Der dickere und niedrigere nordwestlich davon umschloss eine ungewöhnliche Wendelrampe bzw. „Reitschnecke“. Über diese konnte der Kurfürst sogar zu Pferde bis vor seine hochgelegene Wohnung gelangen. Vom schlanken Wendeltreppenturm aus ging ein offener Gang nach Südosten ab, der sich mit dem entsprechenden Gang des Stechbahnflügels in der Hofecke vereinigte.
Ohne Zweifel hat es weitere Nebenbauten gegeben wie etwa einen Marstall und Wirtschaftsgebäude. Ihr Stellenwert reichte jedoch nicht aus, um als echte Flügel wahrgenommen zu werden. Das Berliner Schloss blieb vorerst eine asymmetrische und offene Anlage am Stadtrand. Die jüngsten archäologischen Ausgrabungen ergaben Hinweise darauf, dass der nordwestliche Rand des Schlossareals zeitweise mit einer mächtigen Mauer gesichert war, an die im Südosten der zu einem Teich erweiterte Stadtgraben reichte. Vom Innenhof des Schlosses führte eine Pflasterstraße in südwestlicher Richtung zu einem Portal, hinter dem sich der kurfürstliche Lustgarten – ehemals Klostergarten – öffnete.

Hier endet unsere Leseprobe!

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„Das Berliner Schloss“ erschien im Elsengold Verlag, umfasst 160 Seiten und ist mit rund 100 Abbildungen und Karten ausgestattet. Der Band kostet € 24,95.

Dr. Michael Malliaris ist seit den 1990er-Jahren als Stadtkernarchäologe tätig. Er leitet seit 2008 die Ausgrabungen am Schlossplatz in Berlin-Mitte.
Prof. Dr. Matthias Wemhoff ist Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte und Berliner Landesarchäologe.