Wer ist eigentlich Ulrich Biel? Das war nicht die einzige Frage, die in den ersten Jahren zu dem amerikanischen Offizier Ulrich Biel gestellt wurde. Viele kannten den politischen Berater der amerikanischen Stadtkommandanten aus dienstlichen Kontakten, aber nur wenige kannten den perfekt Deutsch sprechenden Offizier mit dem Dienstgrad eines Captain genauer. Regelmäßig berichtete die Presse aus dem sowjetischen Sektor Berlins über „Mr. Biel, den Mann, der weder ja noch nein sagt“, doch dies war unschwer als Propaganda des beginnenden Kalten Krieges zu erkennen.

Ulrich Biel war Berliner und war am 17. Mai 1907 als Ulrich Bielschowsky im damals noch selbständigen Charlottenburg geboren worden, nur wenige Meter vom Kurfürstendamm entfernt. Er entstammte einer weitverzweigten assimilierten jüdischen Familie, die ursprünglich aus Breslau kam. Als Jurastudent in Bonn und Berlin schrieb er Artikel für die „Vossische Zeitung“, die auch von dem Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer handelten. 1933 endete sein Referendariat abrupt wegen „nichtarischer Herkunft.“ 1934 emigrierte er in die USA und überlebte nur mühevoll mit schlecht bezahlten Bürotätigkeiten in Manhattan; im deutschen Emigrantenmilieu lernte er Kadidja Wedekind kennen, die er 1941 in New York heiratete. So wurde er zum Schwiegersohn des 1914 verstorbenen Dichters Frank Wedekind. Seit 1940 unter dem neuen Namen „Ulrich Biel“ amerikanischer Staatsbürger, wurde er 1942 zur Armee eingezogen, doch ein einfacher GI war er nur kurz. Seine Kenntnisse von Deutschland und seine Muttersprache qualifizierten ihn für eine Tätigkeit im Nachrichtendienst. Ulrich Biel absolvierte die legendäre Geheimdienstschule „Camp Ritchie“ in Maryland und kehrte als „Ritchie Boy“ 1943 nach Europa zurück. Nach einer weiteren Ausbildung in England gelangte er im Sommer 1944 wenige Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie nach Frankreich.

Als amerikanischer Offizier in Frankreich durfte er die politische Situation bewerten und sollte deutsche Kriegsgefangene befragen. Am Ziel sah sich Ulrich Biel mit dieser Aufgabe jedoch nicht. Hitler lebte noch mit seinem bizarren Hofstaat in dem Bunker der Reichskanzlei, als Biel erste konkrete Schritte für eine Rückkehr nach Deutschland unternahm. Aus eigener Initiative fuhr er im April 1945 von Verdun nach Rhöndorf, der dem Bonner Rheinufer gegenüberliegende Wohnort von Konrad Adenauer, um mit diesem ein Gespräch über die politisch Zukunft Deutschlands zu führen. Das „Interview“ dauerte zwei Tage. Als Ergebnis empfahl Biel seinen Vorgesetzen Adenauer als einen Politiker, der „too big a man“ für eine Aufgabe in der Provinz sei und eine führende Rolle in einem noch zu gründenden westdeutschen Staat spielen sollte. Biel war nicht der Entdecker Adenauers für die Nachkriegspolitik, aber der erste amerikanische Funktionär, der diesem und einem westdeutschen Staat Priorität einräumte. Biel gehörte zu den amerikanischen Offizieren, die bereits vor Kriegsende den Machtanspruch der stalinistischen Sowjetunion richtig einschätzten und entsprechend antikommunistische Politiker wie Konrad Adenauer, später auch Kurt Schumacher, unterstützen.

Ulrich Biels Ziel war jedoch nicht Westdeutschland, sondern seine Heimatstadt Berlin. Für den größten Fehler seiner Regierung in Washington hielt er, dass sie die Bedeutung Berlins unterschätzt und der Sowjetunion nicht nur den prestigeträchtigen ersten Zugriff auf die Reichshauptstadt, sondern auch den ersten Stadtbezirk Mitte vollständig zugestanden hatte. Im vergleichbaren Fall von Wien, das auch eine Viersektorenstadt und von einer sowjetischen Zone umgeben war, wurde der erste Bezirk „Innere Stadt“ von allen vier Siegermächten gemeinsam verwaltet. Biel war unter den ersten amerikanischen Soldaten, die im Juli 1945 mit seinem wichtigsten amerikanischen Förderer Frank L. Howley, von 1947 bis 1949 amerikanischer Stadtkommandant, in Berlin eintrafen und von den Sowjets argwöhnisch beobachtet ihren Sektor einrichteten. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte die Suche nach geeigneten Politikern für den Neubeginn. Die kommunistische Bedrohung und die konkrete Politik der Sowjetunion stets vor Augen, fand er in der SPD die wichtigste antikommunistische Partei in Berlin, der seine besondere Fürsorge galt. Viele der entscheidenden politischen Weichenstellungen im Nachkriegsberlin wurden unmittelbar von Biel beeinflusst: So 1946 die Urabstimmung in der Berliner SPD – mit der eine Vereinigung mit der KPD zur SED verhindert wurde und eine selbständige SPD zumindest für die Westsektoren dauerhaft erhalten blieb –  oder 1947 der Rücktritt des glücklosen Oberbürgermeisters Otto Ostrowski von der SPD, der nicht nur nach Meinung von Biel zu eng mit der Sowjetunion zusammenarbeitete. Spätestens ab diesem Zeitpunkt besaß Ulrich Biel als im Hintergrund die Fäden ziehender „amerikanischer Offizier“ eine geheimnisvolle Prominenz, respektiert, aber auch etwas gefürchtet und zum Teil mit sowjetischer Rückendeckung auch diffamiert. Das hatte seinen Grund auch darin, dass Biel die wichtigste Anlaufstelle für geflohene Politiker aus der sowjetischen Zone war, darunter etwa Ralf Dahrendorf oder Ernst Lemmer. Seine Telefonnummer zirkulierte bald unter von der SED bedrängten Politikern.


Der wohl wichtigste und am intensivsten unterstützte Politiker war Ernst Reuter, der 1947 wegen eines sowjetischen Vetos nicht zum Oberbürgermeister von Berlin gewählt werden konnte. Mit Reuter sprach er bis 1949 fast täglich die Tagespolitik durch, beide Männer stimmten insbesondere in ihrem Antikommunismus, aber auch ihrer Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und der Notwendigkeit einer politischen Westbindung überein.

Zu den weiteren Aufgaben von Biel gehörte die Betreuung von Angehörigen des deutschen Widerstandes. Insbesondere für Mitglieder des „Kreisauer Kreises“ sollte Biel eine unverzichtbare Rolle einnehmen. Es vermittelte Kontakte in das Ausland, etwa zu dem früheren Reichskanzler Heinrich Brüning, besorgte Carepakete oder überbrachte Nachrichten. Zum Teil vermischte sich das Politische mit dem Privaten. 1946 lernte Biel hier Marion Gräfin Yorck von Wartenburg, die Witwe des Widerstandskämpfers Peter Graf Yorck von Wartenburg kennen, die in Biel „das wiedergefundene Glück meines Lebens“ sah und die für den Rest seines Lebens seine Partnerin werden sollte. Die Ehe mit Kadidja, wurde bereits 1953 geschieden.

Biels Nähe zu vielen Deutschen machte ihn seinen Vorgesetzten zunehmend suspekt. 1949 wurde Biel, wenige Wochen nach Howleys Rückkehr in die USA, nach Hannover versetzt, wo er an die Bedeutung seiner Berliner Jahre nicht mehr anknüpfen konnte. Nach einem noch kürzeren Zwischenspiel an der amerikanischen Hochkommission in Bad Godesberg kehrte Biel 1953 endgültig und für den Rest seines Lebens nach Berlin zurück.

Biel machte mit seiner Rückkehr nach Berlin Ernst. Er legte nicht nur als reifer Mann das zweite juristische Staatsexamen ab, um als Rechtsanwalt arbeiten zu können, er nahm auch 1954 wieder die deutsche Staatsangehörigkeit an. Seit 1958 in einem kleinen Haus in Dahlem wohnhaft, wurde er bald zu einer Institution der Teilstadt, für manche eine „Anwaltslegende“, für andere eine „graue Eminenz“. 1965 entschloss er sich noch einmal zu einer aktiven Rolle in der Berliner Politik; von 1971 bis 1979 gehörte er für die CDU dem Abgeordnetenhaus an. Als unabhängiger und unbestechlicher Politiker erwarb er sich Achtung über die Parteigrenzen. Allgemein respektiert war seine Rolle als Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses, der den Bauskandal um den „Steglitzer Kreisel“ aufklären sollte. Den größten Einfluss konnte Biel aber immer noch als Rechtsanwalt ausüben; häufig wurde er in Fällen hinzugezogen, die mit den Alliierten oder dem komplizierten Status der Stadt verbunden waren, so auch als Pflichtverteidiger einer Bürgerin der DDR vor einem amerikanischen Sondergericht für Berlin, das 1979 wegen der Flugzeugentführung einer polnischen Linienmaschine nach Tempelhof eingesetzt wurde.

Als Ulrich Biel im Januar 1996 in Berlin starb, waren die beiden Stadthälften bereits seit sechs Jahren wieder vereinigt. Nur wenige wussten, dass Biel zu den politischen Architekten der Teilstadt West-Berlin gehört hatte, und damit nicht nur aus seiner Sicht eines Berlins in Frieden und Freiheit. Sein letztes strafrechtliches Mandat war nur wenige Monate vor seinem Tod abgeschlossen; er hatte einen früheren Soldaten der Nationalen Volksarmee verteidigt, der sich als „Mauerschütze“ verantworten musste.

© der beiden Biel-Porträts: Wolfgang Albrecht
© des Howley-Porträts National Archives in Washington


Alles über die Rolle Ulrich Biels in der Berliner Nachkriegszeit erfahren Sie im Buch »Ich habe die Stadt Berlin regiert« von Martin Otto.
Hier geht es zum Buch
——>

Elsengold Verlag GmbH Cookie Richtlinie

Unsere Website verwendet Cookies, um um die Benutzerfreundlichkeit unserer Website zu verbessern und sicherzustellen, dass Sie die bestmögliche Erfahrung auf unserer Website machen. Bitte besuchen Sie unsere Datenschutz-Seite, um weitere Informationen zu Cookies und deren Verwendung zu erhalten.

Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen