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Das Jahr 1945 hat Berlin verändert wie kein anderes. Während am Anfang noch erbittert gegen die vorrückende sowjetische Armee gekämpft wurde und das NS-Regime mit aller Brutalität gegen jeden Widerstand vorging, folgte im April und Mai die Erleichterung vieler, überlebt zu haben, aber auch der Alptraum der Besetzung. Im Sommer schließlich rückten die Westalliierten in ihre Sektoren ein. Die Stadt erwachte zu neuem Leben, um dann im Winter 1945 im Frost zu erstarren. Traudl Kupfer hat zahlreiche Zeitzeugen befragt und schildert in dem Buch „Leben in Trümmern. Alltag in Berlin 1945“ das unglaublichste Jahr in Berlin Monat für Monat anhand dieser Erinnerungen. Jeder Monat ist mit einer zeithistorischen Einführung versehen.

Hier lesen Sie Traudl Kupfers Einleitung zum Monat Mai und drei exemplarische Auszüge aus ihren Interviews.

 

MAI 1945

Die Straßen- und Häuserkämpfe in der Reichshauptstadt dauern fast 14 Tage – vom 21. April bis zum 2. Mai –, eine Zeit absoluter Rechtlosigkeit. Die russischen Soldaten wollen Rache für die Gräueltaten der Deutschen in Russland. Meist unter starkem Alkoholeinfluss plündern sie hemmungslos und belästigen Frauen. Mindestens 100 000 Mädchen und Frauen im Alter von zehn Jahren bis 80 Jahren werden in diesen zwei Wochen in Berlin vergewaltigt.
Am Morgen des 1. Mai lässt der neue Reichskanzler Joseph Goebbels Generaloberst Wassili I. Tschuikow ein Waffenstillstandsangebot überbringen. Das Angebot wird abgelehnt. Tschuikow verlangt die bedingungslose Kapitulation. Am späten Abend begehen Goebbels und seine Frau Magda Selbstmord. Ihre sechs Kinder haben sie zuvor mit Gift umgebracht.
Am 2. Mai unterzeichnet Generalleutnant Helmuth Weidling morgens um 6.00 Uhr im sowjetischen Befehlsstand in Tempelhof, der in einer Erdgeschosswohnung am Schulenburgring eingerichtet worden war, die Kapitulationsurkunde der deutschen Truppen in Berlin. Der Großdeutsche Rundfunk beendet am gleichen Tag seinen Sendebetrieb mit den Worten: „Der Führer ist tot, es lebe das Reich.“ Am 7. Mai erfolgt schließlich die Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht in Reims; am 8. Mai wird die Kapitulation im sowjetischen Hauptquartier im Offizierskasino der Festungspionierschule in Berlin-Karlshorst wiederholt. Das Bild des wächsernen Generalfeldmarschalls Wilhelm Keitel beim Unterzeichnen der Urkunde geht um die Welt. Im Oktober 1946 sollte er in Nürnberg am Galgen sterben.
Berlin ist ein Trümmerfeld, vor allem in der Innenstadt. Fast 30 Prozent der Gebäude sind entweder zerstört oder so stark beschädigt, dass sie nur noch
abgerissen werden können. In Mitte und Tiergarten sind 50 Prozent der Wohnungen nicht mehr bewohnbar. Von den einst 4,3 Millionen Einwohnern leben noch 2,8 Millionen in der Stadt. Die meisten flohen vor den Bombardements aus Berlin.

Aus den Interviews mit Hannelore Koch:
Im Luftschutzkeller in ihrem Haus in der Stromstraße stehen Stockbetten. Das oberste Bett ist so dicht unter der Decke des Kellers, dass man dort nur der Länge nach ausgestreckt hineinkullern kann. Als der erste Russe im Keller auftaucht, befiehlt Luzia Künzer ihrer Tochter Hannelore: „Bevor der nächste Soldat kommt, legst du dich da oben ins Bett und rührst dich nicht!“ Ihr fünfjähriger Bruder Werner legt sich noch vor sie, damit sie gar nicht zu sehen ist. Das jüngste Familienmitglied ist noch ein Baby. Es schläft im Kinderwagen bei der Mutter. Schon stürmen die nächsten Russen in den Keller. Sie fordern Luzia auf mitzukommen, doch sie weigert sich strikt. „Nee, ick komm nich’ mit. Ich bleibe hier bei meinem Baby!“ Der Russe deutet mit einer Geste an, dass das Kind doch schlafe, sie solle jetzt mitkommen. Aber Luzia bleibt stur. „Nee, nee, nee, ich komm’ nicht mit!“ und dabei schüttelt sie den Kinderwagen so heftig, dass das Kind aufwacht und losplärrt. Der Soldat gibt auf und verschwindet wieder.

Aus den Interviews mit Elvira Plavius:
Theodor Lubatsch baut seiner 16-jährigen Tochter Elvira in der Kunstschmiede hinten im zweiten Hof des Hauses oben im zweiten Stock ein Versteck aus Holzregalen und Blechen. Dort soll sie schlafen, solange die Zeiten für Frauen so unsicher sind. Der Verschlag liegt direkt neben einem Fenster, durch das man auf die Feuertreppe gelangt. Theodor übt mit seiner Tochter sogar die Flucht aus diesem Versteck, falls sie doch einmal entdeckt wird. Dann soll sie schnell die Feuertreppe hinunter und über den Hof wegrennen. Er will sie auf alle Eventualitäten vorbereiten, ganz pragmatisch: „Krieg ist Krieg. Aufregen hilft nichts. Man muss sich auf die Gegebenheiten einstellen.“ Angst hat Elvira nicht und das Versteck gefällt ihr. Dort ist es fast wie in einem Himmelbett.

Aus den Interviews mit Helmut Qualitz:
Helmut Qualitz wird von den Russen verhört. Ob er bei der Hitlerjugend gewesen sei, wollen sie wissen. Der 14-Jährige ist sich keiner Schuld bewusst und so gibt er zu: „Ja, ich war bei der Hitlerjugend.“ Auch sein 20 Jahre älterer Cousin Georg Müller, der mit seiner Familie aus Pommern zu ihnen geflohen ist, wird in die Mangel genommen. Dann stellen die Soldaten die beiden zur Erschießung in den Hof. Georgs Kinder, die beide noch klein sind, fangen fürchterlich an zu weinen und zu schreien. Die Russen haben Erbarmen mit der Familie und lassen die Gewehre sinken. Doch noch zweimal innerhalb der nächsten 14 Tage werden Helmut und sein Cousin zur Exekution auf den Hof geführt. Jedes Mal rettet das Schluchzen und Heulen von Georgs Kindern sie vor der Erschießung.

 

Traudl Kupfer arbeitete beim Rundfunk, als Produktionsleiterin und als Managerin am Theater. Heute widmet sie sich dem geschriebenen Wort – sie ist als freie Lektorin, Redakteurin und Autorin tätig.

Die Leseprobe entstammt Ihrer Publikation „Leben in Trümmern. Alltag in Berlin 1945“, Elsengold Verlag 2015

 

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