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Zwischen Triumphgeschichte, Machtkalkül und Schwertmission – mit zahlreichen Abbildungen, Karten und anschaulichen Darstellungen führt der renommierte Kirchenhistoriker Klaus Fitschen in „Wie die Deutschen Christen wurden“, Palm Verlag durch eines der spannendsten und folgenreichsten Kapitel der deutschen Geschichte: das frühe Mittelalter. Dieses Buch berichtet von Missionaren, Bischöfen und Kaisern, die die Germanen und die umliegenden Völker teils mit Gewalt, teils mit Überzeugungskraft des Wortes zum Christentum bekehrten. In der Zeit vom 3. bis zum 13. Jahrhundert wurde Deutschland durch die neue Religion geprägt – und bleibt es bis heute.

 

Unsere Leseprobe führt uns ins Kapitel „Die Mission als Teil des Aufbaus und Ausbaus des Reiches“ und nach Norddeutschland.

 

Parallel zu den Kämpfen zwischen den Franken und Sachsen verlief die Missionierung des Sachsenlandes, deren Vorposten Paderborn mit seiner Kaiserpfalz (der Karlsburg) sein sollte. Hier hatte im Jahr 777 eine Synode stattgefunden, die das Projekt in Gang setzte. In der Folge wurden Missionsbezirke bestimmt, die zu Bistümern ausgebaut werden sollten, und dies waren Paderborn, Verden, Hildesheim und Halberstadt, die dem Erzbistum Mainz unterstellt wurden, sowie Minden, Münster, Osnabrück und Bremen, die dem Erzbistum Köln zugeordnet wurden.

Durch die Ambitionen Hamburgs wurden die Ansprüche des Erzbistums Köln auf die Gebiete im Norden bald beschnitten. Da noch länger strittig war, ob nicht doch das Erzbistum Köln die Oberhoheit im Norden haben sollte, wäre es ebenso möglich, dass die in der Vita des Missionars Ansgar zu findenden Angaben über die Erhebung von Hamburg zum Erzbistum erst später dort eingetragen wurden. Über die ältere Tradition verfügte allerdings Bremen, wo 789 der erste, noch aus Holz gebaute Dom durch Bischof Willehad geweiht worden war.

Seit Karl dem Großen wurde auch das Gebiet nördlich der Elbe bis hin zur Eider für das Frankenreich und später das Deutsche Reich beansprucht. Seit dem frühen 9. Jahrhundert sind hier vereinzelt Kirchen nachweisbar, so zum Beispiel in Meldorf. Von Handelszentren wie Schleswig, das die Nachfolge der Wikingersiedlung Haithabu (heute in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Busdorf) antrat, breitete sich das Christentum im Lande aus. Dies betraf ebenfalls die nördlich der Elbe in Ostholstein ansässigen Slawen. Sie wurden mit den Missionsversuchen, die von Hamburg ausgingen und sich noch weiter in den Norden erstreckten, konfrontiert, worauf sie in ihren regionalen oder lokalen Gliederungen unterschiedlich reagierten.

Die Slawen lassen sich in ihrer Kultur ähnlich schwierig fassen wie die Germanen. Zuschreibungen vergangener Zeiten mit rassistischen Typisierungen, denen das Defizit an Informationen eine Lücke geboten hat, sind offensichtlich unbrauchbar. Hinfällig ist damit ebenfalls eine Denkweise, die in der Eroberung und Christianisierung der Slawen eine Art historischer Notwendigkeit sah, die den Eroberten eine höherwertige Kultur gebracht hätte – „der Slawe“ war schon im frühen Mittelalter vor allem „der Sklave“, ein Mensch minderen Ranges, der zur Handelsware geworden war (Parallelen zu kolonialistischen Vorstellungen sind hier unübersehbar).

Andererseits lässt sich nicht behaupten, die Slawen seien – wie man das gleicherweise für die Germanen zu belegen versuchte – notorische Gegner des Christentums gewesen. Vielmehr stellte sich für sie die Frage, was mit dieser Religion in religiöser wie in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu gewinnen war, und hier spielte sicher nicht zuletzt die Möglichkeit des Anschlusses an die Mitte Europas eine Rolle.

Angesichts des Mangels an Informationen sind auch im Blick auf die Slawen Begriffe wie „Stamm“, „Sippe“ oder „Volk“ wenig tragfähig. Siedlungsformen und Alltagskultur lassen sich durch archäologische Befunde besser erfassen. Dort, wo sie in Kontakt und Konflikt mit bestehenden Reichen gerieten, wurden die Slawen in Quellen erwähnt. Freilich fehlt es aber, wie schon im Fall der Germanen, an vielen wünschenswerten Auskünften, zumal solchen slawischer Herkunft. Darum ist, jedenfalls im Vergleich zum Christentum, relativ wenig über die Religion der Slawen bekannt, und was man weiß, verdankt sich dem Blickwinkel christlicher (sowie arabisch-muslimischer) Quellen, die das ihnen Fremde zu verstehen oder wenigstens zu beschreiben versuchten.

Wie es mit dem Christianisierungsgrad der Slawen genau stand, ist nur schwer zu ermitteln: Zur gleichen Zeit, als die Slawen zwischen Elbe und Oder die Bistümer Brandenburg, Havelberg und Zeitz angriffen, nämlich im Jahr 983, wurde Hamburg durch den dortigen Führer der Slawen, den Abodritenfürsten Mistuwoi (Mistui), geplündert. Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass Mistuwoi Christ und mit den Ottonen eng verbunden war. Er wäre in dem Fall eine Art Klientelfürst an der Nordgrenze des Reiches gewesen. Es könnte sich bei der Plünderung Hamburgs also einfach um einen Raubzug gehandelt haben, der von dem Chronisten Thietmar von Merseburg dann religiös gedeutet wurde: Für ihn ist das Wichtigste daran, dass die in Hamburg befindlichen Reliquien durch ein Wunder in den Himmel aufgefahren sind. Sicher ist aber, dass Mistuwois Enkel Mstislaw die Taufe empfing. Damit mag eine gewisse Christianisierung der Oberschicht gegeben gewesen sein, allerdings kam der Rückschlag schon bald, denn im Jahr 1018 wurde Mstislaw durch einen Angriff der slawischen Liutizen vertrieben, und Hamburg wurde nochmals zerstört.

Adalbert von Bremen, Buchminiatur, um 1050 © akg-images

Der kirchliche Vorposten Hamburg, letztlich ein Bistum ohne Land, war demnach in einer dauerhaft schwachen Position. Jedoch hatte Otto der Große ein anderes Bistum gegründet, das für die Mission jenseits der Elbe zuständig war, nämlich Oldenburg in Holstein. Auch dieser Bischofssitz hatte vorläufig keinen Bestand: Er wurde schon um das Jahr 980 zerstört und auf die Burg Mecklenburg verlegt. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts aber beruhigte sich die Lage kurzfristig durch das Wirken des Abodritenfürsten Gottschalk, der seine Kindheit in einem Kloster in Lüneburg verbracht und eine dänische Prinzessin geheiratet hatte. Zwar schwor er dem Christentum zwischenzeitlich ab, doch besann er sich später wieder darauf. Seine christenfreundliche Politik wurde von Erzbischof Adalbert von Hamburg-Bremen unterstützt, so dass Kirchen wiederaufgebaut werden konnten. Adam von Bremen berichtet, durchaus ironisch, Adalbert hätte wie seine Vorgänger, nämlich Ansgar, Rimbert und Unni, selbst eine Missionsreise in den Norden unternehmen wollen, sei allerdings vom dänischen König darauf hingewiesen worden, dass es wohl besser sei, die Landessprache zu beherrschen.

Helmold von Bosau rühmt in seiner Slawenchronik das Wirken Gottschalks, der das bei den Abodriten schon in Vergessenheit geratene Christentum wiederbelebt und selbst gepredigt habe. Helmold betont in diesem Zusammenhang, Gottschalk habe in slawischer Sprache deutlicher ausgesprochen, was die Bischöfe und Presbyter zuvor mistice, also in geheimnisvoller Weise („mystisch“) gesagt hätten. Es handelte sich bei Gottschalks Predigten mithin nicht nur um eine sprachliche, sondern wahrscheinlich ebenso um eine kulturelle Übersetzungsleistung. Aber auch Gottschalk wurde letztlich abgesetzt und vertrieben, und was er aufgebaut hatte, ging wieder unter. Die erneute Zerstörung Hamburgs war dabei geradezu unausweichlich. Adam von Bremen vermerkt in diesem Zusammenhang, diejenigen Slawen, die unterdessen Christen geworden waren, seien wieder ins Heidentum zurückgefallen und jene, die am christlichen Glauben festhielten, seien getötet worden. Adam kritisiert in diesem Zusammenhang freilich, dass die Christen des Erzbistums Hamburg-Bremen dem Heidentum noch sehr nahegestanden hätten. Die Kriterien dafür waren ihm zufolge: das Essen von Fleisch am Freitag, Schlemmerei und Ehebruch in der Fastenzeit und an Heiligentagen, Ehebruch, Inzest und Polygamie. Hieran wird wieder einmal deutlich, dass das kirchliche Eherecht und Ehebild einen wesentlichen Maßstab darstellten, der sich mit der Lebenspraxis jedoch nicht vertrug, ob diese nun typisch „heidnisch“ war oder nicht.

Erst Jahrzehnte später zeitigte die Missionierung der Abodriten nachhaltige Erfolge. Im Zentrum der neuen Missionsaktivitäten stand Vicelin. Zusammen mit anderen gründete er in Faldera (Neumünster) ein Augustiner-Chorherrenstift. Überholt wurden Vicelins Missionsbemühungen letztlich durch die politischen Entwicklungen, die auf eine Unterwerfung der Abodriten zielten. Deutsche Siedler wurden ins Land geschickt, und im Jahr 1147 kam es – in zeitlicher Parallele zum zweiten Kreuzzug ins Heilige Land – unter deutscher, polnischer und dänischer Beteiligung sogar zu einem Kreuzzug gegen die Abodriten (Wendenkreuzzug). Treibende Kräfte waren der sächsische Herzog Heinrich der Löwe und der Markgraf von Brandenburg, Albrecht der Bär. Das Land und seine Bewohner wurden unterworfen, tributpflichtig gemacht und unter Zwang christianisiert. Das Bistum Oldenburg wurde wieder errichtet (und bald nach Lübeck verlegt) und Kirchen neu gebaut. Zugleich wurde in Ratzeburg ein weiteres Bistum errichtet. Trotz der Zwangsmaßnahmen scheint das Christentum aber an Attraktivität unter den Abodriten gewonnen zu haben. Ihr Herzog Pribislaw ließ sich nach anfänglicher militanter Gegnerschaft taufen und unterstützte die Bemühungen um die Etablierung einer Kirchenorganisation. Dem voraus gingen jahrelange Kämpfe mit Heinrich dem Löwen um die Vorherrschaft über die Abodriten, die damit endeten, dass Pribislaw eine Teilautonomie erhielt. Die Tendenz zur Christianisierung war jedenfalls unumkehrbar, die Weiterarbeit und Vertiefung war danach Sache der Orden, nicht zuletzt der Zisterzienser.

 

Hier endet unsere Lesprobe. Viele weitere Informationen finden Sie übersichtlich aufgearbeitet und reich mit Bildern und Karten illustriert, eingeteilt in die Kapitel „Von der Antike zum Mittelalter“, „Die Taufe des Frankenkönigs Chlodwig und ihre Folgen“, „Die Mission auf dem europäischen Festland“, „Die Mission als Teil des Aufbaus und Ausbaus des Reichs“, „Die Bedeutung der Orden“ und „Wie christlich wurden die Deutschen?“, in „Wie die Deutschen Christen wurden“.

 

Zum Autor:
Prof. Dr. Klaus Fitschen lehrt Neuere und Neueste Kirchengeschichte an der Universität Leipzig. Er ist Autor zahlreicher Sach- und Fachbücher zur Kirchengeschichte.

 


Klaus Fitschen

Wie die Deutschen Christen wurden
Geschichte der Mission
160 Seiten, 21 x 28 cm
rund 120 Abbildungen und Karten
Hardcover
978-3-944594-53-8
€ 19,95
Palm Verlag

Beitragsbild oben: Die Gründung des Bistums Bremen durch Kaiser Karl den Großen und den Bischof Willehad, Wandgemälde von Bartholomäus Bruyn dem Älteren, 1532  © akg/Bildarchiv Steffens