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Der renommierte Historiker Hans-Ulrich Thamer zeichnet in „Der Erste Weltkrieg. Europa zwischen Euphorie und Elend“ (Palm Verlag) ein authentisches Bild der Kämpfe und blickt auch auf die Situation jenseits der Schlachtfelder. Er erzählt Geschichten von Begeisterung und Ernüchterung, von Hunger, Elend und Revolution, aber auch von der Emanzipation der Frauen. Zahlreiche selten gezeigte Farbaufnahmen und umfangreiches Kartenmaterial geben ein lebendiges Zeugnis der Ereignisse auf allen Seiten der Fronten.
Was-mit-geschichte.de schaut mit Ihnen ins Buch und blickt fast 100 Jahre zurück auf die Jahre 1917/18 und den Kriegseintritt der USA.

 

Textauszug aus dem Kapitel „1917: Kriegsmüdigkeit und Umwälzungen“

Am 31. Januar 1917 informierte der deutsche Botschafter die Regierung in Washington darüber, dass am folgenden Tag der uneingeschränkte U-Boot-Krieg eröffnet würde. Wilson brach sofort die Beziehungen zu Deutschland ab und erklärte Berlin am 5. April den Krieg. (…)

US-Präsident Woodrow Wilson kündigt im Kongress den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland an. ©akg-images

Ludendorff zeigte sich von der amerikanischen Kriegserklärung unbeeindruckt, ging er doch davon aus, dass die USA frühestens im Jahre 1919 eine starke Armee auf den europäischen Kriegsschauplatz würden bringen können. Bis dahin wollte er die deutschen Armeen längst zum Sieg geführt haben. Was er bezeichnenderweise nicht bedachte, waren die Folgen der Kriegserklärung für den Wirtschaftskrieg. Mit den Anleihen, die sie den westlichen Verbündeten gewährten, konnten die USA schon früh Einfluss auf die Kriegführung nehmen. Ab 1917/18 bildete sich ein starker Wirtschaftsblock, mit dessen Hilfe die Alliierten Waren kaufen und die Märkte dirigieren konnten. Die Wirkung der Blockade wurde dadurch noch verstärkt, und die USA konnten die Warenströme, auch der neutralen Staaten, an den Mittelmächten vorbei steuern, die somit immer weniger Zugang zum Weltmarkt hatten. Am 9. April 1917 landeten überdies die amerikanischen Seestreitkräfte in Großbritannien und eröffneten den Kampf im U-Boot-Gebiet. Die ersten amerikanischen Bodentruppen sollten am 1. Mai 1918 an der Westfront eingesetzt werden.
Vorerst blieben die militärischen Auswirkungen des Kriegseintrittes der USA jedoch tatsächlich gering.

 

Es folgt eine Leseprobe aus dem Kapitel „1918: Das letzte Kriegsjahr“

Der Zusammenbruch der russischen Militärmacht setzte an der Ostfront im günstigsten Falle 50 Divisionen frei. Ludendorff plante den Einsatz von 70 bis 80 Divisionen für seine Frühjahrsoffensive im Westen, was im Augenblick eine zahlenmäßige Überlegenheit gegenüber den alliierten Truppen bedeutete. Das verschaffte der deutschen militärischen Führung eine strategische Pause, die zeitlich freilich begrenzt war. Ludendorff musste im Westen siegreich sein, bevor die USA mit ihrem großen militärischen und wirtschaftlichen Potenzial wirklich eingreifen konnten und bevor die deutschen Truppen, die zahlenmäßig und physisch ihre letzten Reserven mobilisieren mussten, durch die zu erwartenden Leiden und Opfer eines Großangriffs endgültig erschöpft sein würden. Auch wenn sich die öffentliche Meinung und die Parteienlandschaft in Deutschland zunehmend polarisierten, waren angesichts der Erfolgsnachrichten aus dem Osten die Erwartungen auf einen günstigen Kriegsausgang wieder, wenn auch nur vorübergehend, gestiegen. Auch unter den Frontsoldaten machte man sich wieder Hoffnungen auf einen baldigen Sieg und ein Ende des Krieges. Darum hatten viele Soldaten, zumindest zu diesem Zeitpunkt, auch wenig Verständnis für die Streiks, an denen sich Ende Januar 1918 in Kiel, Hamburg und Berlin rund eine Million Industriearbeiter beteiligten. Auch wenn die Streiks bald niedergeschlagen wurden, ließen sie doch das Ausmaß und die sozialen Folgen der wachsenden materiellen Not und der allgemeinen Kriegsmüdigkeit erkennen. Sie waren Vorboten einer dräuenden Radikalisierung der Arbeiterbewegung.

Zur Vorbereitung auf den Waffengang erhielten die US-amerikanischen Truppen Hilfe bei der Ausbildung: Ein britischer Sergeant Major bildet einen Rekruten im Kampf mit dem Bajonett aus. © akg-images

Das russische Beispiel wirkte nicht nur auf Teile der Arbeiterbewegung ansteckend, auch die Tatsache, dass Liberale und Sozialdemokraten mit dem Sturz des Zarenreiches ihr altes Feindbild verloren hatten und in einem sozialdemokratischen Russland einen natürlichen Verbündeten erblicken konnten, brachte die Burgfriedenspolitik endgültig zum Einsturz und beunruhigte die Reichsführung. Die Friedensresolution des Reichstages vom 19. Juli 1917 hatte schon angekündigt, dass die hegemonialen, annexionistischen Ansprüche und die Kriegführung des Deutschen Reiches keine politisch-parlamentarische Unterstützung mehr fanden. Gegen diese Gefährdung der Machtpositionen der traditionellen Eliten, vor allem von Monarchie und Militär, hatte die Oberste Heeresleitung schon im Spätsommer 1917 die Bildung einer außerparlamentarischen, populistisch-reaktionären Massenbewegung, der „Vaterlandspartei“, erfolgreich betrieben. Diese hatte lautstark und mit großer Resonanz gegen eine demokratische Verfassungsreform und für einen annexionistischen Frieden (mit der Einverleibung Belgiens und Luxemburgs im Westen und baltischer bzw. polnischer Provinzen im Osten) geworben. Nur ein überwältigender militärischer Erfolg im Westen, so Ludendorffs Überlegung, könnte den Zusammenbruch der Heimatfront und der alten Ordnung insgesamt noch verhindern. Die innere Krise des Kaiserreichs und seiner gesellschaftlichen Ordnung, von den wachsenden ethnischen und sozialen Konflikten und Auflösungserscheinungen beim Verbündeten Österreich-Ungarn ganz zu schweigen, meinte die militärische Führung nur durch einen raschen Sieg im Westen lösen zu können. Dafür blieb nach dem Kalkül Ludendorffs jedoch nur wenig Zeit. Den Armeebefehlshabern hatte er daher am 11. November 1917 verkündet: „Unsere Gesamtlage fordert, möglichst früh zuzuschlagen, möglichst Ende Februar oder Anfang März, ehe die Amerikaner starke Kräfte in die Waagschale werfen können.“ Weiter reichte das strategische Denken der Obersten Heeresleitung nicht.

Nachdem die US-amerikanische Rüstungsindustrie erst einmal in Gang gekommen war, wurden – wie hier in der Bethlehem Steel Company – ungeheure Mengen an Waffen und Munition produziert. © akg-images

Ebenso hatte man sich im Zusammenhang mit der U-Boot-Offensive im Jahre 1917 verrechnet: Auch wenn die Marine mehr Tonnage versenkt hatte als geplant, war der U-Boot-Krieg gescheitert. Die Royal Navy hatte durch die Bildung von Konvois, in denen die Handelsschiffe von Zerstörern geschützt wurden und die zudem noch durch Funk miteinander verbunden waren, immer mehr Schiffe an den U-Booten vorbeilenken können. Dabei konnte sie sich auch auf die Hilfe der US-Navy stützen. Zudem lief ein großer Teil der Versorgung über neutrale Schiffe, die sich von den lukrativen Frachtsätzen und den britischen Maßnahmen zur Kontrolle des Versicherungsmarktes zu dem Einsatz hatten locken lassen. Das hatte man sich in der deutschen Marineführung nicht vorstellen können, und es wirkte sich nun nachteilig auf die deutsche Versorgungslage aus.

Vor allem aber erwies sich die siegessichere Vorhersage des deutschen Marineamtes aus dem Frühjahr 1917 als grandioses Fehlurteil: „[Die Amerikaner] werden nicht ankommen, weil unsere U-Boote sie versenken werden. Also bedeutet Amerika militärisch null und noch einmal null und zum dritten Mal null.“ Tatsächlich hielten am 4. Juli 1917 Teile der 1. Division des amerikanischen Oberbefehlshabers der „American Expeditionary Force“ eine Parade in Paris ab. In den folgenden Monaten trafen kontinuierlich frische Truppen einer Armee ein, die eine Stärke von bis zu 80 Divisionen haben sollte: Bis März 1918 waren 318 000 Amerikaner in Frankreich angekommen, bis August sollten es 1,3 Millionen Soldaten werden. Mit der Entscheidung für den Krieg mobilisierten die USA außergewöhnliche Kräfte sowohl im Bereich der personellen Rekrutierung als auch in der militärisch-industriellen Produktion, auch wenn letzteres Potenzial erst im Laufe des Jahres 1918 voll einsetzbar war und die ersten amerikanischen Truppen zunächst auf französische Geschütze, Flugzeuge und Tanks angewiesen waren.

US-amerikanische Soldaten telefonieren mit einem erbeuteten deutschen Feldtelefon. Das Eingreifen der USA entschied den Krieg endgültig zugunsten der Alliierten. © akg-images

Dennoch, mit einem Schlag war das militärische Gleichgewicht, das bislang zwischen den Krieg führenden Mächten geherrscht hatte, verändert. Das gab den verbündeten Armeen auf dem Kontinent mittelfristig eine gewisse Siegeszuversicht, auch wenn zur Jahreswende 1917/18 die Sorgen zunächst noch überwogen. Denn Briten und Franzosen fehlte das Menschenreservoir, um die ungeheuren Verluste zu ersetzen. Dies war nur durch den Zustrom US-amerikanischer Truppen möglich. Allerdings waren sie inzwischen den Deutschen materiell an Geschützen, Flugzeugen und vor allem Panzern erheblich überlegen.

Nicht nur Berlin baute im Frühjahr 1918 auf einen Siegfrieden, sondern auch die Entente. Nach der Erfahrung des deutschen Diktatfriedens von Brest-Litowsk sahen die britischen und französischen Führungskreise keine Möglichkeit einer Verständigung mit dem Kriegsgegner. Der englische Premierminister Lloyd George stellte fest, dass der Krieg nun bis zu einem vollständigen „Knock-out“ geführt werden müsse. Obwohl der Kriegsausgang im Frühjahr 1918 noch einmal auf Messers Schneide stehen sollte, war es angesichts der Kräfteverhältnisse mittelfristig wahrscheinlich, dass die Westmächte dieses Ziel erreichen würden. Man hatte in der Rüstungswirtschaft und bei der inneren Daseinsvorsorge mittlerweile die Talsohle durchschritten, und gerade England konnte die eigene Bevölkerung noch immer hinreichend mit Lebensmitteln versorgen. Vor allem aber versprach die US-amerikanische Kriegsbeteiligung die militärische wie wirtschaftliche Lage entscheidend zu verändern, wenn die alliierten Truppen bis zur vollständigen Integration der amerikanischen Streitkräfte durchhielten.

Hier endet unsere Leseprobe.

 

Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer lehrte bis 2011 als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster. Er hat verschiedene Ausstellungen unter anderem am Deutschen Historischen Museum kuratiert und zahlreiche Bücher veröffentlicht. Im Elsengold Verlag erschienen auch seine Bücher „Berlin im Dritten Reich“ und (gemeinsam mit Barbara Schäche) „Alltag in Berlin. Das 20. Jahrhundert“.

 

Hans-Ulrich Thamer
Der Erste Weltkrieg
Europa zwischen Euphorie und Elend
240 Seiten, ca. 150 Abbildungen, 21 x 28 cm
Hardcover
978-3-944594-61-3
€ 19,95 (D) / € 20,60 (A) / 28,90 sFr (CH)