Seite auswählen

Traudl Kupfer hat neben „Weihnachten in Berlin“ (Elsengold Verlag) einen  weiteren beliebten Band zur schönsten Zeit des Jahres verfasst: „Das große Weihnachtsbuch“, erschienen bei Reader´s Digest. Darin findet sich eine kleine Geschichte, zu der wir einen ganz besonderen Bezug haben: Die Mutter unseres Verlegers Dirk Palm hat sie niedergeschrieben. Wie man sieht: auch die schaurigsten Gedichten können entdeckungsfreudige kleine Spitzbuben nicht von ihren Streichen abhalten.
Wir wünschen Ihnen frohe Weihnachten!

 

pixabay-markusspiske_christmas-1785520_1280

 

„Im Winter 1946/47 waren wir nach einer Odyssee über Ostpreußen, Schlesien und das Erzgebirge endlich wieder zu Hause in Berlin- Spandau. Wir wohnten direkt an der Havel. Meine Mutter hatte große Angst davor, dass meine beiden kleinen Brüder, sieben und fünf Jahre alt, auf dem zugefrorenen Fluss spielen und einbrechen würden. Sie nahm die beiden Kleinen beiseite und las ihnen ,Will sehen, was ich weiß, vom Büblein auf dem Eis‘ vor. Mit Engelsgeduld versuchte sie, den beiden Jungs von den Gefahren des Spielens auf dem Eis zu erzählen. Keine halbe Stunde später blickte sie aus dem Küchenfenster und sah – ihre beiden Söhne auf der Havel, wie sie in der nicht zugefrorenen Rinne in der Mitte stocherten. Wie von der Tarantel gestochen schoss sie runter auf den Hof und rief mit Engelsstimme: ‚Hänslein, Mäxchen, kommt doch mal hoch!‘ Max, der kleinere, ging nichtsahnend sofort mit, Hans musste sie dann erst noch einfangen. Oben in der Wohnung wurden beide mit dem Teppichklopfer traktiert und erhielten mehrere Tage Stubenarrest.
Friedel Klaar, Jahrgang 1936

 

(Und hier das Gedicht, das sein pädagogisches Ziel verfehlte:)

„Will sehen, was ich weiß vom Büblein auf dem Eis“
von Friedrich Güll (1812–1879)

Gefroren hat es heuer
noch gar kein festes Eis;
das Büblein steht am Weiher
und spricht so zu sich leis:
Ich will es einmal wagen,
das Eis, es muss doch tragen.-
Wer weiß?

Das Büblein stampft und hacket
mit seinem Stiefelein,
das Eis auf einmal knacket,
und Krach! Schon brichts hinein.
Das Büblein platscht und krabbelt
als wie ein Krebs und zappelt
mit Schreien.

O helft, ich muss versinken
in lauter Eis und Schnee!
O helft, ich muss ertrinken
im tiefen, tiefen See!
Wär nicht ein Mann gekommen,
der sich ein Herz genommen,
o weh!

Der packt es bei dem Schopfe
und zieht es dann heraus,
vom Fuß bis zu dem Kopfe
wie eine Wassermaus.
Das Büblein hat getropfet,
der Vater hats geklopfet
zu Haus.

 

Aus:
Traudl Kupfer

„Das große Weihnachtsbuch. Geschichten, Lieder, Bilder und Rezepte aus über 100 Jahren“
Reader‘s Digest, 208 Seiten