Seite auswählen

2500 Jahre Eroberungen und Entdeckungen, kulturelle Höhenflüge und Niedergänge. Der bekannte Althistoriker Holger Sonnabend bietet im „Atlas der Antike“ eine wertvolle Navigationshilfe bei der Erkundung dieser Zeit und gewährt mit zahlreichen Karten und Abbildungen einen lebendigen Einblick in eine faszinierende Epoche.

Es folgt eine Leseprobe zur Technik der Antike. Wir begegnen darin der interessanten Einstellung des römischen Kaisers Vespasian zur Technik und menschlichen Arbeitskraft:

 

Bei dem römischen Kaiser Vespasian, der von 69 bis 79 n. Chr. regierte, erschien, wie der gewöhnlich gut unterrichtete antike Biograf Sueton erzählt, eines Tages ein Ingenieur mit einem verlockenden Angebot: Er überreichte dem Monarchen den Entwurf einer Maschine, mit deren Hilfe es möglich sein sollte, mit geringem Aufwand schwere Säulen auf das Kapitol in Rom zu transportieren. Vespasian war beeindruckt und gab dem Ingenieur für seine Idee eine hohe Belohnung, lehnte den Einsatz der Maschine bei Bauprojekten jedoch dankend ab, mit dem Hinweis, er möge ihm doch nicht die Gelegenheit nehmen, seine Leute mit Arbeit zu versorgen.

Diese Episode beleuchtet beispielhaft das Verhältnis der Antike zur Technik. Den Herrschenden waren Arbeitsplätze wichtiger als neue Technologien, und so dachte Vespasian mehr an die sozialen Belange der römischen Bevölkerung als an einen prominenten Eintrag ins Buch der Technikgeschichte. Dabei gab es in der Antike, von den Kulturen des Alten Orients über die Griechen bis hin zu den Römern, ein beachtliches Potenzial an technischem Know-how und technischer Innovation. Auch das Wort „Technik“ ist eine antike Prägung, wenn auch zunächst in einer anderen Bedeutung. Die Griechen verstanden unter téchne ganz allgemein jede Kunst oder genauer: Kunstfertigkeit. Auch die Maschine war, als Produkt der téchne, eine griechische Wortschöpfung. Mechané bedeutete „Werkzeug“.
Aber Techniker hatten es schwer, nicht nur, weil die Eliten aus Fürsorge für die manuell arbeitende Masse der Bevölkerung kein Interesse an Rationalisierung hatten. Es gab außerdem genügend Sklaven, die man in der Landwirtschaft, in den Bergwerken oder auf Baustellen als billige Arbeitskräfte einsetzen konnte. So bestand auch von dieser Seite her kein Bedarf an revolutionären Technologien.
Eine Ausnahme ist eine allerdings nur aus Gallien bekannte, von Ochsen getriebene Erntemaschine, deren Vorzug der Agrarschriftsteller Palladius im 4. Jahrhundert n. Chr. mit den Worten beschrieb: „So wird durch weniges Hin- und Herfahren in kurzer Zeit das ganze Feld abgeerntet.“
Und nicht zuletzt fehlte es an einer unternehmerischen Mentalität. Die Herrschenden und die Reichen scheuten jegliches Risiko und hatten daher keinen Sinn für Investitionen, die Voraussetzung für die serielle Verbreitung von Erfindungen auf dem Gebiet der Technik gewesen wären. Dabei spielte auch die von den Oberschichten bei jeder Gelegenheit betonte Diskreditierung bezahlter Arbeit eine Rolle. Ein Techniker, der mit seiner Tätigkeit Geld verdienen wollte, musste daher damit rechnen, als „Banause“ abqualifiziert zu werden. Mit diesem Wort pflegten die Griechen zunächst ganz allgemein alle Handwerker zu bezeichnen, die am Ofen, also am offenen Feuer, zu arbeiten hatten. Später wurde der wenig schmeichelhafte Titel Sammelbezeichnung für alle, die mit ihrer Hände Arbeit Geld verdienen mussten und deren Tätigkeiten die Adligen und die reichen Bürger, die bequem und ohne Schweißvergießen von Renditen ihrer Güter lebten, als nicht standesgemäß ansahen.

Angesichts dieser Einschränkungen können die Leistungen, die von antiken Technikern vollbracht wurden, nicht hoch genug eingeschätzt werden. Auf der Liste entsprechender Errungenschaften stehen etwa das Zahnrad, die Schraube, die Rotationsmühle, die Wassermühle, die Schraubenpresse, die Glasbläserei, der Steinmörtel, der Bronze-Hohlguss, die Vermessungsdioptrik, das Torsionskatapult, die Wasseruhr, die Wasserorgel und Automaten.
Noch heute kann man überall dort, wo die Römer herrschten, Meisterwerke römischer Technik bewundern, wie die Aquädukte, die mit einem ausgeklügelten System Wasser über große Distanzen in die Städte führten.
Und auch die berühmten, meist schnurgeraden Landstraßen, die in der Kaiserzeit ein Netz von annähernd 100.000 Kilometern Länge bildeten, waren Spitzenleistungen der Ingenieure. Sie umfassten vom Unterbau bis zur Oberfläche fünf Schichten, bestehend aus Sand, Stein und Kalkmörtel.
Einziges Gebiet, auf dem nicht gespart wurde, war die Militärtechnologie. Hellenistische Könige und römische Kaiser gaben viel Geld für Waffen und Belagerungsgeräte aus. Und auf diesem Gebiet schwangen sich antike Techniker zu wahren Höchstleistungen auf. Den Ruhm ernteten jedoch meistens die Monarchen, bei denen sie unter Vertrag standen. So sammelte der Tyrann Dionysios I. von Syrakus (430–367 v. Chr.) eine ganze Schar von Technikern um sich, mit deren ingeniösen Einfällen er den rivalisierenden Karthagern schwer zusetzte und sich den Ruf eines großen Kriegsherrn erwarb. Einer der Diadochen, der eine führende Rolle beim Kampf um das Erbe Alexanders des Großen spielte, fügte seinem Namen Demetrios den schmückenden Beinamen Poliorketes („Städtebelagerer“) hinzu. Auch die römischen Kaiser setzten auf die innovativen Projekte ihrer Militärtechniker.
Deren Leistungen veranlassten den Historiker Tacitus zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. zu der nur vordergründig überheblichen, in der Substanz jedoch absolut zutreffenden Einschätzung: „Nichts ist den Barbaren so unbekannt wie die Maschinen und die Finten der Belagerungskunst, während uns dieser Teil des Kriegswesens besonders vertraut ist.“

Der bedeutende griechische Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes (Holzstich, 18. Jahrhundert), © AKG-Images GmbH, Berlin

Der bedeutende griechische Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes (Holzstich, 18. Jahrhundert), © AKG-Images GmbH, Berlin

Ungekrönter König aller antiken Militärtechniker war Archimedes (287–212 v. Chr.). Hinter seinem Ruhm verblasste sogar der Ruf seiner königlichen Auftraggeber.
Die Wirkungsstätte des genialen Griechen war die Stadt Syrakus auf Sizilien. Hier produzierte er unter der Schirmherrschaft seines königlichen Gönners Hieron II. eine Reihe von bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, denen er eine bis in die Gegenwart reichende Bekanntheit verdankt. So geht auf ihn das „Archimedische Prinzip“ zurück. Dahinter verbirgt sich die Lehre vom Auftrieb schwimmender Körper, vom Meister selbst so formuliert: „Ein Körper taucht in eine spezifisch schwere Flüssigkeit so weit ein, dass die von ihm verdrängte Flüssigkeitsmenge so schwer ist wie der ganze Körper.“ Angeblich soll der Gelehrte diese Entdeckung während eines Bades gemacht und mit dem geflügelten Wort Heureka! („Ich habe es gefunden!“) gefeiert haben.
Auf das Konto des Archimedes gehen weiterhin die Entwicklung einer Schraube zur Hebung von Wasser und die Konstruktion eines Flaschenzuges. Auch als Militärtechniker machte er sich einen Namen – ganz am Ende seines langen Forscherlebens, als die Römer sich während des Zweiten Punischen Krieges (218–201 v. Chr.) daran machten, seine Heimatstadt Syrakus von der See her zu erobern. Archimedes begrüßte sie mit einem Arsenal von revolutionären Abwehrwaffen, die bei den Römern den Eindruck hinterließen, sie hätten es eher mit zornigen Göttern als mit Menschen zu tun. Katapulte schleuderten riesige Steine in Richtung Hafen, und hinter den Stadtmauern erhoben sich gigantische Kräne, die Lasten auf die Schiffe warfen und sie dann mit eisernen Greifhänden und Haken samt Besatzung einfach in die Luft hoben und als Höhepunkt senkrecht ins Meer stürzten. Retten konnte Archimedes seine Heimatstadt mit diesen Zauberwaffen dennoch nicht. In einem unachtsamen Moment der Verteidiger überwanden die Römer ihre Abwehr.
Ein Soldat fand den Ahnherrn aller Tüftler und Erfinder in seinem Garten vor, damit beschäftigt, geometrische Figuren in den Sand zu malen. Die Aufforderung des Soldaten, ihm zu folgen, konterte er mit den klassischen Worten: „Störe meine Kreise nicht.“ Daraufhin wurde er von dem wütenden Soldaten mit dem Schwert getötet.

Hier endet unsere Leseprobe.

atlas_der_antike_cover_isbn9783944594408

Der „Atlas der Antike“, erschienen im Palm Verlag, umfasst 160 Seiten und ist mit rund 120 Abbildungen und Karten ausgestattet. Er bietet übersichtlich aufgearbeitet Informationen zum Schauplatz Mittelmeer, zu Kriegen und Imperien, Politik und Gesellschaft, Kultur und Wissenschaften und Krise und Untergang. Der Band kostet € 19,95.

Prof. Dr. Holger Sonnabend lehrt Alte Geschichte an der Universität Stuttgart. Er hat zahlreiche Bücher zur Alten Geschichte veröffentlicht.