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Heute vor 145 Jahren, am 7. Oktober 1871, wurde der Autor Georg Hermann in Berlin geboren. Sein Roman „Jettchen Gebert“ feierte Anfang des 20. Jahrhunderts unglaubliche Erfolge: Zusammen mit dem Folgeband „Henriette Jacoby“ erreichte man um die 260 Ausgaben!
Heute kann sich kaum mehr jemand an den sensiblen Schriftsteller erinnern, zu Unrecht, wie nicht nur wir finden. 2015 legte der Elsengold Verlag den Doppelroman in einer bibliophilen Ausgabe neu auf. Regina Stürickow versah den Band mit einem Nachwort, aus dem wir Ihnen im Folgenden den Teil zum Leben Georg Hermanns ausgesucht haben.

Aus dem Nachwort, verfasst von Regina Stürickow:

„Haben Sie schon bei Wertheim die kleinen Krokodile gesehen? Sie fehlen jetzt in keinem besseren bürgerlichen Haushalt. Haben Sie schon ‚Jettchen Gebert‘ gelesen und darüber geweint?“

So lauteten die Fragen, mit denen 1907 jeder Auswärtige von Freunden und Bekannten bei seiner Ankunft in Berlin sogleich überfallen wurde. Und am Potsdamer Platz oder Unter den Linden waren die biedermeierlich hübsch gekleideten und coiffierten Mädchen, die sich ganz wie Jettchen zu geben versuchten, allgegenwärtig. – So beschreibt der Wiener Literaturkritiker und Feuilleton-Redakteur Paul Wertheimer seine Ankunft auf dem Anhalter Bahnhof. „Fassen Sie Geduld“, riet man ihm, „werden Sie ernsthaft und traurig und lesen Sie ,Jettchen Gebert‘.“ Wertheimer las das Buch allerdings erst, nachdem er wenig später „im Gespräch und Geplauder“ bei Freunden Jettchens geistigen Vater persönlich kennengelernt hatte: den Journalisten Georg Hermann, „einen jungen, stillen, nachdenklichen Poeten mit einem sinnenden Malerblick“.

Georg Hermann wurde als Georg Borchardt am 7. Oktober 1871 in Berlin-Mitte in der Heiligegeiststraße 26 geboren. Er war das sechste Kind des jüdischen Kaufmanns Hermann Borchardt. Ruhm und Erfolg lagen nicht in seiner Wiege – bis zu seinem Erfolgsroman „Jettchen Gebert“, deren Schicksal der aufstrebenden Millionenstadt ans „steinerne Herz“ ging, war der Weg lang und entbehrungsreich.
Im noch jungen Kaiserreich profitierte der Weißwarenhändler Hermann Borchardt vom Gründerboom. Finanziell stand seine Firma glänzend da. Doch nach den goldenen Gründerjahren folgte der Gründerkrach. Borchardt hatte sich verspekuliert und ging bankrott.
Georg war sechs Jahre alt, als er mit ansehen musste, wie die schönen Biedermeiermöbel, in denen schon die Großeltern gelebt hatten, gepfändet und der Vater in Schuldhaft genommen wurde. „Wir sind plötzlich arm“, schrieb er später. „Schon mit fünfzehn Jahren stehe ich einem hoffnungslos erkrankten, seelisch und körperlich gebrochenen, früh gealterten Vater gegenüber.“2 Kurze Zeit nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis erlitt der Vater einen Schlaganfall, wurde zum Pflegefall und verstarb 1890.
Georg, das jüngste der sechs Kinder der Borchardts, entspricht so gar nicht den Erwartungen des jüdischen Bürgertums – anders als seine Brüder Ludwig, der sich später als Ägyptologe einen Namen machte, und Heinrich, der als Architekt erfolgreich wurde. Georg schwänzte den Unterricht und trieb sich stattdessen lieber in der Stadt herum. Das renommierte Friedrichswerdersche Gymnasium in der Dorotheenstraße, das viele prominente Berliner absolviert hatten, verließ er kurz vor dem Abitur und begann eine kaufmännische Lehre in einem Krawattengeschäft, die er aber wieder abbrach. Während seines Militärdienstes erkrankte er an einer schweren Lungenentzündung und wurde vorzeitig entlassen. Doch fand er in dieser Zeit die Muße zum Schreiben, denn Literatur hatte ihn schon immer interessiert. Bereits als Schüler hatte er, obwohl die Rechtschreibung bis dahin nicht eben seine starke Seite war, kleine Geschichten verfasst. Sein erster Roman „Spielkinder“, eine Mischung aus eigenen Kindheitserlebnissen und Fiktion, erschien 1896, wurde allerdings nur ein mäßiger Erfolg. Zu Ehren des verstorbenen Vaters wählte er jetzt dessen Vornamen als Pseudonym und nannte sich von nun an Georg Hermann.
Ohne seine literarischen Ambitionen aus den Augen zu verlieren, trat er im Statistischen Amt der Stadt Berlin eine Stelle als Hilfskraft an. Was er in der Schule versäumt hatte, holte er jetzt nach: Er schrieb sich 1896 bis 1899 an der Friedrich-Wilhelms-Universität als Gasthörer ein, besuchte Vorlesungen über Literatur und Kunst und versuchte sich als Kritiker. 1901 bekam er beim Ullstein Verlag eine Anstellung als Kunstkritiker. Er schrieb vorwiegend für die „Vossische Zeitung“ und die „BZ am Mittag“, darüber hinaus verfasste er Bücher unter anderem über die deutsche Karikatur im 19. Jahrhundert über Wilhelm Busch und Max Liebermann.
Noch im selben Jahr heiratete er die Professorentochter Martha Heynemann. Drei Töchter gingen aus der Ehe hervor, Eva, Hilde und Elise. 1914 verließ er Berlin, um sich vorübergehend unweit von Heidelberg, in Neckargemünd, niederzulassen. Auf einer 1896 unternommenen Reise hatte er das Neckartal kennengelernt und an der Landschaft so großen Gefallen gefunden, dass er immer wieder dorthin zurückkehren wollte. Seine Vertragsverpflichtungen zwangen ihn indes immer wieder an die Spree. So pendelte er jetzt zwischen Neckargemünd und Berlin. Sein „bohemienhaftes Leben“, fernab der Familie, blieb zunächst im Verborgenen. Am Neckar ahnte niemand, dass er im fernen Berlin mit der fünfundzwanzig Jahre jüngeren Lotte Samtner, einer Redakteurin des Ullstein Verlags, die nach Hermanns Worten „gescheit für vier“ war, zusammenlebte. Erst als sich Lottes Schwangerschaft nicht mehr verschweigen ließ, flog Hermanns Doppelleben auf. Der Eklat mit seiner Familie war unvermeidlich. Um Anfeindungen in Berlin, das sich zwar fortschrittlich gab, aber im tiefsten Inneren noch immer prüde war wie zu Jettchen Geberts Zeiten, zu entgehen, flüchtete sich das Paar zunächst nach München. Finanziell ging es Hermann besser denn je. Die Bearbeitungen für Theater, Operette und Film seines „Jettchen“-Romans hatten ihn zu einem reichen Mann gemacht. 1919 wurde Lottes Tochter Ursula geboren, und nach der Scheidung von Martha heiratete Hermann seine Geliebte. Doch das Eheglück währte nicht lange. Lotte starb 1926. 1931 ging Hermann zurück nach Berlin und zog zusammen mit Ursula in die Künstlerkolonie Friedenau in die Kreuznacher Straße 2, die heutige Nummer 28.
Die Nationalsozialisten setzten Hermann, er hatte bis dahin mehr als 20 Romane geschrieben, auf die Liste der „auszumerzenden Autoren“. Nachdem Anfang März 1933 seine Wohnung durchsucht worden war, beschloss er, Deutschland umgehend zu verlassen. „Da ich bei den Idioten sowieso auf der schwarzen Liste stehe – ‚Eines schönen Tages wird die Schildkröte schon zuschnappen‘ – schrieben sie mir bereits zum sechzigsten Geburtstag im ‚Völkischen Beobachter‘ – so sagte ich mir, ich habe keine Lust, den Märtyrer zu spielen, und ging, wie ich ging und stand, nach Holland“, schrieb er am 13. März 1933 an seine Tochter Hilde, die schon früh nach Dänemark emigriert war.
Auch in den Niederlanden waren seine Bücher zu Bestsellern geworden und standen in den Schulen sogar auf den Lehrplänen für den Deutschunterricht. Er schrieb für eine Amsterdamer Zeitung Kritiken und verfasste seinen letzten Roman „Rosenemil“, der 1935 in Amsterdam in deutscher Sprache erschien. Seine desaströse finanzielle Situation belastete ihn schwer, denn er war, wie er am 10. Oktober 1939 an Hilde schreibt, „dank der herrlichen Zeiten […] vollkommen pleite und werde nächstens die größten Löcher ins Hungertuch nagen. Mit Arbeiten ging es bislang so, aber augenblicklich habe ich alle Lust eigentlich verloren.“
Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in die Niederlande wurde der schwer zucker- und herzkranke 72-Jährige von der Gestapo aufgespürt, verschleppt und über das Durchgangslager Westerborg nach Auschwitz deportiert. Georg Hermanns vermutliches Todesdatum, der 19. November 1943, ist nicht eindeutig belegt. Ob er in den Gaskammern ermordet wurde oder wegen seiner schweren Krankheit bereits auf dem Transport in das Vernichtungslager umkam, ist nicht sicher.

Hier endet unsere Leseprobe des Nachworts.
Die beiden Romane im Sammelband und natürlich das ganze Nachwort von Regina Stürickow finden Sie in unserer Neuausgabe.
Unser Verleger Dirk Palm hat für unseren Blog einen Teil des Romans vorgelesen, hören Sie doch rein: Das Video finden Sie unter diesem Link (hier klicken).

jettchen

Georg Hermann
Jettchen Gebert / Henriette Jacoby
Zwei Romane
624 Seiten, 13,5 x 21 cm Halbleinen mit Lesebändchen
ISBN 978-3-944594-24-8
19,95 € (D) / 20,60 € (A) / 28,90 CHF