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Sexparties im prüden Preußen, Betrug in Millionenhöhe, Bauprojekte mit „Schmiermitteln“: Berlin ist die Stadt der Skandale. Regina Stürickow hat für ihr Buch „Skandale in Berlin“ 16 der aufregendsten Geschichten aus 100 Jahren Berliner Geschichte zusammengetragen.
Im Jahre 1891 kam es zu einem ganz besonders pikanten Vorfall: Das Jagdschloss im Grunewald diente dem Adel als Lustschloss … Tratsch und Spekulationen darüber verbreiteten sich in rasender Geschwindigkeit. Viel Spaß mit unserem Textauszug!

Es ist ein klarer kalter Tag im Januar 1891, als sich die Pferdeschlitten ihren Weg durch den noch unberührten Pulverschnee des Grunewalds bahnen. Neun Männer und sechs Frauen sollen die Passagiere gewesen sein, alle der Hofgesellschaft angehörend, darunter auch enge Verwandte und Vertraute des Kaisers. Als sie ihr Ziel, das Jagdschloss Grunewald, erreichen, ist die Dämmerung bereits hereingebrochen. Charlotte von Sachsen-Meiningen, eine Schwester Kaiser Wilhelms II., hat, so heißt es, in das abgelegene Jagdschloss geladen. – Ein idealer Ort für eine Lustpartie im wahrsten Wortsinne. Vor ungebetenen Gästen ist man hier sicher, und Zeugen sind in dieser Nacht keineswegs erwünscht.
Details sind allerdings nicht bekannt. Warten die Kutscher in sicherer Entfernung vom Geschehen bei den Pferden in den Stallungen? Wo ist das Dienstpersonal? Hat es sich in einen anderen Flügel des Schlosses zurückgezogen und vergnügt sich derweil auf seine Weise? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Jedenfalls ist das Schloss gut geheizt. Die Damen entledigen sich ihrer Pelze, die Männer legen ihre schweren Mäntel ab. Auf Etikette wird heute verzichtet. Es wird getafelt und getrunken – dann fallen die Contenance und die Hüllen. Der als geselliger Abend getarnte Ausflug entpuppt sich als „Swinger-Party“, als Sexorgie ohne Tabus: Jeder darf mit jedem, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, Sex zu dritt, alles darf ausprobiert werden, alles ist erlaubt. Bis in die späte Nacht dauert das Vergnügen.

Das Jagdschloss im Grunewald um 1930 @ akg-images, Berlin

Das Jagdschloss im Grunewald um 1930 @ akg-images, Berlin

Sexparty mit adeliger Gästeliste
Unter den Gästen sind der Herzog Ernst Günther von Schleswig-Holstein, ein Schwager Wilhelms II., Prinz Friedrich Karl von Hessen, der später Margarethe, eine jüngere Schwester des Kaisers, heiraten wird, Friedrich von Hohenau mit seiner Gattin Charlotte, der königliche Kammerherr Karl Ernst Freiherr von Schrader mit seiner Frau Alide sowie der Zeremonienmeister und Vertraute des Kaisers Hans Louis Karl Leberecht von Kotze und seine Frau Elisabeth.
Unzählige Gerüchte ranken sich um das ominöse Fest. Die Protagonisten der vermeintlichen Sexorgie im Jagdschloss Grunewald sind seit Langem miteinander vertraut. Die Hofgesellschaft ist ein eingeschworener Kreis und untereinander hatte man vermutlich schon so manche intime Beziehung. Es wird geklatscht und getratscht. Nach außen, an die Ohren der getreuen Untertanen, dringt davon nur wenig. Intra muros hingegen wird nicht nur hinter vorgehaltener Hand über das ausschweifende Sexleben der Gräfin Soundso und des Fürsten Vonundzu getuschelt.Sexorgien bei Hofe, wirft man einen Blick in die Geschichte, gehören durchaus zu den hochherrschaftlichen Usancen. Es ist kein Geheimnis, dass die edle Hofgesellschaft, wenn es um Sex geht, gar nicht so edel ist. Ob am Hofe Ludwigs XIV., bei den Habsburgern, im englischen Königshaus oder am Hofe Ludwigs II. von Bayern – Sexaffären hat es immer gegeben. Auch Kaiser Wilhelm II. ist nie ein Kostverächter gewesen. Seine Affären, die er als Kronprinz hatte, sind Legende. In Straßburg soll er ein Verhältnis mit einer Edel-Prostituierten gehabt und der Angebeteten Liebesbriefe geschrieben haben. Als sie drohte, die Briefe zu veröffentlichen, kaufte der Hof sie auf, um einen Skandal zu vermeiden. Die amourösen Eskapaden der Hochwohlgeborenen sind nicht immer ohne Folgen geblieben. Doch der Adel pflegte seine Affären in der Regel diskret – und mit viel Geld – aus der Welt zu schaffen.

Schlüpfrige Frühstückspost
Aber zurück in den Grunewald: Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleibt die Sexparty nicht geheim. Am nächsten Morgen finden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des winterlichen Ausflugs auf dem silbernen Tablett, gleich neben der Frühstücksmarmelade, zusammen mit der üblichen Post einen Brief ohne Absender vor. Einen Brief, dessen Inhalt dazu angetan ist, den Empfängern den Appetit zu verderben: Bis ins Detail werden die sexuellen Praktiken, speziell die homosexuellen, die auf der Party praktiziert worden sind, angeprangert und in allen pikanten und peinlichen Einzelheiten geschildert. Um seine Ausführungen zu veranschaulichen, hat sich der Verfasser etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Auf Bildpostkarten mit pornografischen Darstellungen – unter der Hand leicht zu erwerben – sind, aus anderen Fotografien ausgeschnitten, die Gesichter der Protagonisten der Jagdschloss-Party und anderer Mitglieder der Hofgesellschaft geklebt. Und damit es auch keinerlei Missverständnisse gibt, hat der kreative Schreiberling seine Briefe noch mit Zeichnungen diverser Geschlechtsteile gespickt. Was allerdings viel schlimmer ist: Nicht nur die Teilnehmer der „Swinger-Party“ erhalten die pornografischen Briefe, sondern eine ganze Reihe von Hofangehörigen und Vertretern des Hochadels.
Die anonymen Briefe treten breit, worüber bisher allenfalls geflüstert worden ist, nämlich die erotischen Geheimnisse des Hofes. Eines steht fest: Die Briefe wurden von einem Insider – oder einer Insiderin – verfasst. Besonders was das Liebesleben der 28-jährigen Gräfin Charlotte von Hohenau, genannt Lottka, betrifft, treiben Klatsch und Tratsch reiche Blüten. Denn bei Hofe ist es nicht verborgen geblieben, dass die (arrangierte) Ehe mit Friedrich von Hohenau eine Farce ist. Es hat sich herumgesprochen, dass Lottkas Gatte, einen Kopf kleiner als sie und um vier Jahre jünger, lieber mit Männern das Bett teilt als mit seiner schönen Angetrauten. Zudem macht Friedrich keinen Hehl aus seiner Homosexualität, im Gegenteil: Er lebt sie voll aus. Die Gräfin lässt indessen keine Gelegenheit verstreichen, anderweitig auf ihre Kosten zu kommen. Lottka ist das, was man gemeinhin ein „Rasseweib“ nennt. Mit ihren Reitkünsten – sie reitet besser als zehn Husaren – beeindruckt sie die Männerwelt. Und ihrem Sex-Appeal vermag keiner zu widerstehen. Die Männer liegen ihr zu Füßen. Die Frauen aber hassen das raffinierte Luder, das allen den Kopf verdreht. Bei Hofe soll es kaum einen Mann geben, den sie noch nicht in ihr Lotterbett gezogen hätte. Der Ruf einer nimmersatten Nymphomanin, die selbst vor verheirateten Männern nicht haltmacht, eilt ihr voraus. In den anonymen Briefen liest man, Charlotte von Hohenau ruhe nicht eher, „bis sie mit sämtlichen Prinzen auf Du und Du und, wenn irgend möglich, in geschlechtliche Berührung gekommen ist“. Bei einer Hofveranstaltung soll sie gar „mit völlig entblößtem Busen“ erschienen sein. Doch niemand sei gegen die Geschmacklosigkeit vorgegangen und habe sie zurechtgewiesen.

Sodom und Gomorrha bei Hofe?
Auch Wilhelm II. soll, seinerzeit noch Kronprinz, ein Verhältnis mit Charlotte von Hohenau gehabt haben, ebenso wie Friedrich Karl von Hessen, der Wilhelms Schwester Margarethe heiraten würde, Bismarcks Sohn Herbert sowie der spätere Reichskanzler Max von Baden. Die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Nicht weniger zur Schau gestellt wird die Homosexualität des Prinzen Aribert von Anhalt sowie die vermutete lesbische Veranlagung von Alide von Schrader.
Mit ein oder zwei Briefen unmittelbar nach dem Grunewald-Vergnügen gibt sich der unbekannte Denunziant jedoch nicht zufrieden. Die Flut anonymer Schreiben nimmt kein Ende. Nach zwei Jahren, im Mai 1892, platzt den hohen Herrschaften endlich der Kragen. Sie schalten die Polizei ein, allerdings nicht ohne die kompromittierendsten Passagen vorher sorgfältig geschwärzt zu haben.
Die Ermittlungen verlaufen unbeholfen, geradezu dilettantisch, und entbehren nicht der Komik. So werden die Briefkästen in der Stadt beobachtet, um den Übeltäter beim Einwerfen der Briefe auf frischer Tat zu ertappen, und bei potenziellen Verdächtigen werden Löschblätter beschlagnahmt. Aber nicht alle hochwohlgeborenen Herren und Damen lassen sich das gefallen und setzen die wackeren Detektive kurzerhand vor die Tür. Wer ist der Verfasser dieser Briefe? In Verdacht gerät auch die exzentrische Charlotte von Meiningen, denn die kettenrauchende Schwester des Kaisers steht im Ruf, nicht minder mannstoll zu sein als „Lottka“. Das Motiv liegt auf der Hand: Eifersucht und Neid auf Charlotte von Hohenau, die ihr zweifellos die Schau stiehlt.
Obwohl die in den Briefen erwähnten homosexuellen Eskapaden nach Paragraf 175 des  Strafgesetzbuches unter Strafe stehen, greifen weder Polizei noch Staatsanwaltschaft ein. Niemand will in dieses Wespennest stechen. Übereifrige Ermittlungen würden nur Ärger bedeuten, vielleicht sogar die Karriere kosten, denn man weiß um die große Zahl von Homosexuellen bei Hofe. Zudem dürfte der Nachweis homosexueller Handlungen äußerst schwer beizubringen sein. Bekannt geworden sein sollen derartige Neigungen im Übrigen auch durch die von einigen Ehefrauen angestrengten Scheidungsprozesse, die zu jener Zeit zwar noch selten waren, in denen aber jede Menge schmutzige Wäsche gewaschen wurde.

Der Zeremonienmeister als Sündenbock
Endlich ist ein Verdächtiger ausgemacht: Der wegen seiner spitzen Zunge gefürchtete Zeremonienmeister Leberecht von Kotze. Er ist derjenige bei Hofe, der Feste und Veranstaltungen plant und organisiert, eine Art „Event-Manager“. Von Kotze ist mehr als unbeliebt, denn er fällt aus dem Rahmen: Er hält auf sein Äußeres, kleidet sich nicht nur modisch, sondern extravagant. Modebewusstsein gilt seinerzeit jedoch als unmännlich, sodass von Kotze als „weibisch“ diffamiert wird. Zudem ist er als notorisches Klatschmaul verschrien, ebenfalls eine weibliche Untugend. Seinen Zynismus und Sarkasmus, mit dem er den Klatsch und Tratsch weitergibt, schätzt wiederum der Kaiser, der seinen Zeremonienmeister sogar privat besucht, um sich die neuesten Gerüchte am Hof erzählen zu lassen.
Nach und nach sickert der obszöne Inhalt der Briefe auch an die Öffentlichkeit. Und das ist so gekommen: Der Hochadel lässt sich in der Regel rund um die Uhr bedienen und üblicherweise serviert das Dienstpersonal die Post gleich mit dem Frühstück – geöffnet, versteht sich, denn Dienstherr oder Dienstherrin sollen keine Arbeit mehr damit haben. Diskretion ist natürlich Ehrensache. Doch wenn der Dienerschaft beim Öffnen der Briefe pornografische Bildchen entgegenfallen, dann ist es schwer, diskret zu bleiben und nicht einen kurzen Blick auf den Inhalt des Briefes zu werfen. Indiskretionen, die von hochherrschaftlicher Dienerschaft in die Öffentlichkeit getragen werden, sind so alt wie die Aristokratie selbst. Der Diener erzählt es dem Dienstmädchen, die trägt es der Schneiderin weiter, welche es im Vertrauen der Bäckersfrau berichtet, und diese gibt es an den Gemüsehändler weiter. So macht die schmutzige Geschichte die Runde. Und Hohn und Spott ergießen sich über die adlige Gesellschaft, die gar nicht so fein ist, wie sie tut.

Hier endet die Leseprobe des Kapitels. Wie es weitergeht (so viel sei verraten: Es kommt sogar zu einem Duell!), spektakuläre Bilder und 15 weitere Skandale finden Sie in Regina Stürickows Buch „Skandale in Berlin. 16 unglaubliche Geschichten 1890 bis 1980“, Elsengold Verlag.

Dr. Regina Stürickow hat verschiedene Bücher zur Kriminalgeschichte Berlins und zu anderen historischen Themen veröffentlicht. Ebenfalls im Elsengold Verlag erschienen ist das Buch „Verbrechen in Berlin. 32 historische Kriminalfälle 1890-1960“.

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