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„Die Juden in Deutschland oder die jüdischen Deutschen betrachten sich nicht nur als Religionsgemeinschaft, es gibt bei den Juden auch die Volkszugehörigkeit. Auch der amerikanische oder der australische Jude sind Teil des jüdischen Volkes. Ohne die Vision vom eigenen Volk Israel hätte das Judentum die 2000 Jahre Diaspora nicht überleben können.“
Ignatz Bubis (1927–99), Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland 1992–99, auf die Frage, wie er das Judentum persönlich definiere.

Im Neubau des Berliner Jüdischen Museums, entworfen von Daniel Libeskind, drückt sich die Geschichte der Berliner Juden in Architektur aus: Kontinuitäten, Verwerfungen, Brüche und Leerstellen prägten den Gang der Juden durch die Berliner Jahrhunderte. ©akg-images/Doris Poklekowski

Im Neubau des Berliner Jüdischen Museums, entworfen von Daniel Libeskind, drückt sich die Geschichte der Berliner Juden in Architektur aus: Kontinuitäten, Verwerfungen, Brüche und Leerstellen prägten den Gang der Juden durch die Berliner Jahrhunderte. ©akg-images/Doris Poklekowski

Die Definition von Ignatz Bubis beschreibt das gesamte Spannungsfeld zwischen der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft und den Juden in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen. Wer waren und wer sind die Juden, und wie haben sie sich religiös, sozial und gesellschaftlich verortet? Waren sie anders oder wurden sie nur anders gesehen? In diesen Fragen steckt das ganze Dilemma von Abgrenzung und Ausgrenzung sowie gleichzeitig von Annäherung und Akkulturation. Anfänglich verstanden sich die Juden als eigene „Nation“. Juden in Deutschland gehörten zum „erwählten Volk“. Das Festhalten daran sicherte ihnen – wie Bubis es treffend beschreibt – ihr historisch religiöses Überleben in der Diaspora. Der Begriff der „Nation“ oder der Begriff vom „Volk“ war kein staatsrechtlicher Begriff, sondern bezog sich auf die Religionszugehörigkeit. So war es, bis der Philosoph Moses Mendelssohn das Parkett der deutschen Geschichte betrat.

 

Mendelssohn und damit die Stadt Berlin bedeuteten für die Juden eine Zäsur. Mendelssohn und andere große jüdische wie nichtjüdische Denker warben in der Zeit der Aufklärung, der Haskala, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für die Annäherung der Religionsgemeinschaften und für die Überwindung von Vorurteilen und Missverständnissen. Die Annäherung blieb nicht widerspruchsfrei. Einerseits ließen sich Juden taufen und verrieten aus orthodoxer jüdischer Weltanschauung die Ziele und Inhalte des Judentums. Andererseits wurde innerhalb des Judentums die Überwindung des strengen Regelwerks als Befreiung erlebt. Auch aufgeklärte Nichtjuden erlebten die Annäherung als positiven Schub, der vor allem im 19. Jahrhundert kulturelle Früchte trug. Dennoch blieb für viele Nichtjuden ein Jude immer ein Jude – ein Konkurrent, einer, der anders ist. Ablehnung und Missachtung nahmen dabei viele Formen an.

Berlin stand im positiven wie im negativen Sinne im Brennpunkt der jüdischen Geschichte der Welt. Wie in keiner anderen Stadt war es gelungen, einen Assimilierungsprozess zu befördern, der mit den großen preußischen Reformern vom und zum Stein und von Hardenberg verknüpft ist. Das preußische Emanzipationsedikt von 1812 erklärte in Preußen lebende Juden zu Staatsbürgern und suchte weltweit seinesgleichen. Berlin legte in nachnapoleonischer Zeit ein staatsrechtliches und kulturelles Gesetzespaket vor, das die Stadt im Zeitalter des Bürgertums und der industriellen Revolution weit nach vorn brachte.

Die Erfolgsgeschichte Berlins – bis 1933 eine der mächtigsten Industrie- und wichtigsten Kulturstädte der Welt – ist ohne die Partizipation der Juden gar nicht zu erzählen. Obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung Berlins 1812 bis 1933 nur bei zwei bis maximal knapp fünf Prozent lag, so waren doch die Repräsentanten der jüdischen Welt – ungeachtet, ob sie gottesfürchtig und gläubig waren oder nicht – in allen gesellschaftlichen Gebieten erfolgreich. Jüdische Unternehmer, Kaufhausmagnaten, Theater- und Filmleute, Professoren, Wissenschaftler, Maler und Künstler, Schriftsteller, Anwälte und Ärzte, Rabbiner und Lehrer prägten unverwechselbar das Gesicht der aufstrebenden Kaiserstadt und Weltmetropole Berlin.

Mit dem Namen Adolf Hitler fand diese rasante Entwicklung ein jähes und katastrophales Ende. Die Stadt, die ökonomische und kulturelle Geschichte geschrieben hatte, zeigte der Welt nun ein anderes, hässliches Gesicht. Neben anderen wurden am 10. Mai 1933 Bücher jüdischer Intellektueller auf dem Opernplatz verbrannt. In der Reichspogromnacht zum 10. November 1938 standen Synagogen, jüdische Geschäfte, Wohnungen und Versammlungsräume in Flammen. Es ging mehr zu Bruch als nur Kristall. Der Anfang vom Ende war getan. 1945 war jüdisches Leben in weiten Teilen Europas erloschen. Sechs Millionen Angehörige der ältesten monotheistischen Religion waren innerhalb von nur sechs Jahren ermordet worden. Auschwitz steht als Synonym für die Vernichtung eines Volkes. In diesem Buch geht es nicht so sehr um die Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Großartige Gesamtdarstellungen eines Julius Schoeps und anderer verdienter Historiker behandeln das Thema zur Genüge. Vielmehr erzählt das Buch von Juden in Berlin. Es zeigt, wie vielfältig und konstruktiv sie in ihrer Stadt gewirkt hatten und noch wirken, wie schwierig und zerstörerisch das Miteinander zwischen Nichtjuden und Juden dennoch war.

Eingedenk der Verantwortung vor der gebrochenen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit den bekannten verheerenden Folgen soll dieses Buch dazu einladen, in Frieden miteinander zu leben und zur Entwicklung der Stadt beizutragen, ungeachtet des Glaubens, den man hat.

 

Hier endet unsere Leseprobe. Der Autor Volker Wagner führt Sie in seinem neuen Buch “Geschichte der Berliner Juden”, Elsengold Verlag durch sechs Jahrhunderte jüdischen Lebens in Berlin. Freuen Sie sich auf 40 Biografien von jüdischen Persönlichkeiten und über 120 einzigartige Abbildungen, vor allem aus den Beständen des Jüdischen Museums Berlin.

 

Autor dieses Artikels: Der promovierte Historiker Volker Wagner arbeitet in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages. Er hat mehrere Bücher zur Geschichte Berlins veröffentlicht.

Geschichte der Berliner Juden_Aktuelles Cover vom 20.05.2016