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Kommen Sie mit auf eine fiktive Reise: Stellen Sie sich ein großbürgerliches Ehepaar vor, das sich im wilhelminischen Deutschland im Jahr 1900 entschließt, sein Land zu bereisen. Sie mit Kostüm, Glockenrock mit leichter Schleppe, ausladendem Hut, Handtasche und Spazierstock, er mit Klappkragen, Gehrock und Zylinder. Auf geht die Fahrt!

Ganz sicher würden die großbürgerlichen Eheleute neben einem Besuch der Strandbäder Norderney oder Borkum auch die Freie Hansestadt Hamburg besuchen, die nach London und Liverpool um 1900 die bedeutendste Handelsstadt Europas war. Vor allem würden sie an Binnen- und Außenalster promenieren, z. B. den Jungfernstieg oder die Alsterarkaden mit ihren Kau­fläden, Hotels und Restaurants entlang. Hier liegt der Glanzpunkt Hamburgs. Zum Hafen selbst, der sich mit Ober- und Niederhafen sowie den Hafenbassins und Kaianlagen fast den ganzen Elbstrom entlangzieht, wird sich unser Pärchen höchstwahrscheinlich nicht verirren. Von Hafenromantik keine Spur. Hier herrscht rege Betriebsamkeit, bei der hohen Zahl an Schiffen, die in den Hamburger Hafen einlaufen und ihn wieder verlassen: 1885 beispielsweise kamen 6790 Seeschiffe an, darunter 4478 Dampfschiffe, mit insgesamt 106 478 Mann Besatzung; in See gestochen sind wiederum 6798 Schiffe. Überwogen bis 1860 noch die Segelschiffe, so wurden für den Güter- als auch für den Personenverkehr und vor allem für die Beförderung nach Übersee bald die Dampfschiffe bevorzugt.

Deckpromenade auf dem Reichspostdampfer "Kaiserin Maria Theresia" des Norddeutschen Lloyd, © akg-images GmbH, Berlin

Deckpromenade auf dem Reichspostdampfer “Kaiserin Maria Theresia” des Norddeutschen Lloyd, © akg-images GmbH, Berlin

Da die Hansestadt Hamburg 1888 in das Zollgebiet des Deutschen Reichs eingegliedert wurde, hatte man bereits 1883 mit dem Bau der jetzt unter Denkmalschutz stehenden Speicherstadt am Sandtorhafen begonnen, die als Freihafen den deutschen Zollbeschränkungen nicht unterlag. Sie war um 1900 der Lagerhauskomplex der Welt. Nun war Hamburg nicht nur als Lager- und Umschlagplatz von immenser Bedeutung, sondern neben Bremerhaven auch die wichtigste Anlaufstelle für all diejenigen, die nach Amerika auswandern wollten, um der Armut zu entkommen, politischer und religiöser Verfolgung zu entgehen oder schlicht ihr Glück zu machen. Über fünf Millionen Menschen brachen zwischen 1850 und 1934 von Hamburg aus in die Neue Welt auf, viele von ihnen kamen aus Polen, Rumänien oder Russland, darunter auch zahlreiche Juden. Den großen Reedereien wie dem Bremer Norddeutschen Lloyd oder der Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt AG (Hapag) kam der Ansturm zugute. 1901 bis 1906 ließ Albert Ballin, der Generaldirektor der Hapag, auf der Veddel – zum damaligen Zeitpunkt vom Stadtzentrum weit entfernt – Auswandererhallen errichten, wo Tausende Menschen auf ihre Überfahrt warteten.

Neben Handelsplätzen wie Hamburg waren freilich auch die Reichskriegshäfen Kiel an der Ostsee und Wilhelmshaven an der Nordsee von zunehmender Bedeutung, zumal für den marinebegeisterten Kaiser Wilhelm II. der Ausbau der Flotte eine Herzensangelegenheit war. Auf Betreiben des Admirals Alfred von Tirpitz, Staatssekretär im Reichsmarineamt, wurde im Jahr 1900 das zweite Flottengesetz verabschiedet, das ein noch umfangreicheres Ausbauprogramm der Flotte vorsah. Dass Deutschland damit das Flottenwett rüsten mit England befeuerte und sich in der europäischen Staatenlandschaft zusehends isolierte, wurde vom Kaiser gern in Kauf genommen. Die Insel Helgoland, die erst ab 1890 zum Deutschen Reich gehörte, entwickelte sich schnell zum Marinestützpunkt in der Nähe des 1895 eröffneten Kaiser-Wilhelm-Kanals (heute Nord-Ostsee-Kanal) von Brunsbüttel nach Kiel. Dieser strategisch wichtige Kanal, der Nord- und Ostsee miteinander verbindet, musste nach 1906 sogar noch ausgebaut und erweitert werden, damit ihn neu gebaute schwere Kriegsschiffe passieren konnten. Vereine wie der Deutsche Flottenverein, der Alldeutsche Verband oder der Deutsche Kolonialverein, die mehr und mehr Mitglieder akquirieren konnten, trugen ihren Teil dazu bei, dass sich auch die deutsche Bevölkerung für die Marine begeisterte. Die Mode, kleine Jungs in Matrosenkostüme zu stecken, hatte um diese Zeit Hochkonjunktur.

Der Holländische Brook in der Hamburger Speicherstadt, © akg-images GmbH, Berlin

Der Holländische Brook in der Hamburger Speicherstadt, © akg-images GmbH, Berlin

Am 27. Juli 1900 hielt Kaiser Wilhelm II. im Übrigen seine berüchtigte und berühmte „Hunnenrede“ in Bremerhaven zur Verabschiedung des deutschen Expeditionskorps, das den Boxeraufstand in China im Verbund mit anderen europäischen Großmächten niederschlagen sollte. Der Vergleich deutscher Soldaten mit erbarmungslosen Hunnen und der Appell, kein Pardon zu geben und keine Gefangenen zu machen, schürten das Misstrauen im Ausland gegen das als unberechenbar geltende Deutsche Reich weiter.

 

Autorin dieses Artikels: Diana Lindner, Historikerin und Lektorin. Sie hat sich unter anderem intensiv mit der Geschichte der Photochromfotografie befasst.

In ihrem Buch „Deutschland 1900. Ein historischer Bilderbogen“, Palm Verlag versammelt sie über 450 Fotochrome von Städten und Regionen Deutschlands um 1900. Das Buch gestaltet sich wie das private Fotoalbum eines großbürgerlichen Paares, das quer durch Deutschland reist, und ist mit informativen Texten ergänzt, die vergangene Zeiten erklären und wiederauferstehen lassen.

Beitragsbild oben: Cover “Deutschland 1900. Ein historischer Bilderbogen”.